Michael Malkiewicz„… wir machen gschwind ein tanzerl …“1Zur Bedeutung des Tanzes in der Mozart-Zeit 2
Als die Königin der Tänze galt im gesamten 18. Jahrhundert das Menuett. Aufgrund seiner klaren Struktur und der dabei notwendigen Anmut in Haltung und Bewegung des Körpers eignete es sich vorzüglich als Einstieg in den Gesellschaftstanz.
Wohl nicht zufällig befinden sich unter Mozarts ersten Kompositionen zahlreiche Menuette, wie etwa auch KV 1. Als Musik hat das Menuett eine klare und einfache Form: zweimal acht Takte, von der Tonika in die Dominante und wieder zurück. Dazu eine Melodie und eine Basslinie zu entwerfen, bereitete dem jungen Komponisten schon bald keine Schwierigkeiten mehr.
Musik und Tanz gingen bei Mozart eine selbstverständliche Verbindung ein. Er komponierte nicht nur Tanzmusik, sondern zeigte sich bei gesellschaftlichen Anlässen, wie etwa den zahlreichen Redouten, auch als begeisterter Tänzer. Auf seinen Reisen beobachtete er stets das Tanzgeschehen an anderen Orten, über welches er seiner Schwester detailliert berichtete. So versprach er in einem Brief vom 24. März 1770, ihr die Musik eines in Mailand getanzten Menuetts zuzusenden, „nur damit Du daraus siehst, wie langsam die Leute tanzen.“ Weil in Italien die „menuetti so lang bald als wie eine ganze sinfonie daueren“, hätte er dort gerne „den teutschen menuetten gusto“ eingeführt. Wolfgang erwähnte nicht nur das langsame Tempo, sondern auch die ungewöhnliche Länge der in Mailand getanzten Menuette. Wenngleich dem Menuett als wichtigstem Tanz im Unterricht die größte Bedeutung beigemessen wurde, so hat nicht nur Wolfgang Mozart den figurenreichen Kontretanz und den beschwingten Deutschen Tanz dem gravitätischen Menuett vorgezogen.
Das Tanzmeisterhaus Salzburg besitzt zwei große Mozartgedenkstätten: Das Geburtshaus in der Getreidegasse, wo Wolfgang Mozart am 27. Januar 1756 zur Welt kam, und das Wohnhaus am Hannibalplatz (heute: Makartplatz 8–9), welches seit Beginn des 18. Jahrhunderts als das Tanzmeisterhaus bekannt war. Im ersten Stock des Hauses befindet sich noch heute ein Tanzmeistersaal. Warum hatte Leopold Mozart in seinem Haus einen Tanzmeistersaal? Wie berichtet, war dieser mit dem Hoftanzmeister Franz Gottlieb Spöckner befreundet. Da dieser keine Nachkommen hatte, ging das ihm gehörende Tanzmeisterhaus nach dessen Tod im 7 Jahr 1767 an Maria Anna Raab über, die aus der Mozart-Korrespondenz besser unter ihrem Kosenamen „Danzmeister Mitzerl“ bekannt ist. Als Leopold Mozart auf Wohnungssuche war, bot sie ihm an, sich mit seiner Familie im ersten Stock des Hauses einzumieten. So kam es, dass die Familie Mozart im Oktober 1773 von der kleinen Wohnung in der Getreidegasse in das geräumige Tanzmeisterhaus zog. Auch Wolfgang lebte hier noch bis zum Jahr 1780.
Tanzveranstaltungen bewegten sich im Grenzbereich zwischen Ordnung und Ausgelassenheit und waren daher streng geregelt. Dies betraf in erster Linie die auf den Dörfern bzw. von den Zünften veranstalteten Tänze. Genehmigte Tanzanlässe waren Hochzeiten, Vertragsabschlüsse (z. B. Verlobungen oder Kaufhändel), die Zunfttage der Handwerker, Kirchweihfeste und große Schießwettbewerbe. Mit Ausnahme der letzten beiden Veranstaltungen waren die Tänze einer geschlossenen Gruppe, wie etwa den Zunftmitgliedern vorbehalten. Die „Freytänze“ hingegen standen allen offen. Getanzt werden durfte nur in den Wirts- und Schankhäusern, deren Besitzer eine Bewilligung für Tanzveranstaltungen hatten. Die dafür zu entrichtende Taxe, eine Art Vergnügungssteuer, kam der Almosenkasse zugute. Nicht genehmigte Tanzveranstaltungen, die so genannten Winkeltänze, standen zwar unter Strafe, kamen aber immer wieder vor.Beim Volk beliebt, jedoch von der Obrigkeit streng verboten, waren die so genannten „Walzerischen Tänze“, wo sich der Missbrauch eingeschlichen hatte, „die Weibsbilder und Tänzerinen dergestalt umzutreiben und zu drehen, daß hiedurch die Kleider sich so hoch erheben, daß derselben blosser Leib, nicht ohne Aergerniß, ersehen werden mag“. Der Einfluss von Volkstanzformen auf die Tänze der Stadtbewohner schlug sich im Ländlerischen bzw. Deutschen Tanz nieder. Das ist eine stilisierte Form des Drehtanzes, dessen zunehmende Beliebtheit trotz aller Verordnungen und Warnungen nicht zu bremsen war und im Walzer des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug über alle Gesellschaftsschichten hinweg angetreten hat.
Sowohl die Anlässe und Orte, als auch die Zeiten, wann getanzt werden durfte, waren genau vorgegeben. Allgemeines Tanzverbot herrschte zur Weihnachtszeit und zu den beiden Fastenzeiten, also im Advent sowie in der Osterzeit (vier Wochen vor Ostern bis zum 1. Sonntag nach Ostern). Zudem blieben auch alle Freitage und Samstage tanzfrei. Während der Erntezeit, von Kreuzerhöhung (3. Mai) bis Kreuzerfindung (14. September) durften zumindest keine Freytänze stattfinden. Abgesehen von den Jahreszeiten waren auch die Uhrzeiten genau geregelt. So durften die Tänze an Sonn- und Feiertagen erst nach dem nachmittäglichen Kirchendienst beginnen. Das Tanzende wurde im Sommer mit acht Uhr, im Winter mit sieben Uhr abends festgelegt.
In der Stadt gab es zur „Belustigung der Standespersonen“ die Redoute, hauptsächlich eine Tanzveranstaltung für die hohen und mittleren Stände, zu denen auch die Hofmusiker, etwa im Range eines Vizekapellmeisters (Leopold Mozart) und Konzertmeisters bzw. Hoforganisten (Wolfgang Mozart) gehörten. Auch hier war der Ablauf durch Verordnungen und Abgaben geregelt. Nach Johann Heinrich Kattfuß (1800) waren die Redouten ursprünglich öffentliche Orte, an denen man zur Karnevalszeit „en masque“ zusammenkam, um Faro (Pharao) zu spielen. In Deutschland hat man das Faro-Spiel mit maskiertem Tanz vereinigt und später alle Maskenbälle „Redoute“ genannt, auch wenn kein Spiel dabei stattfand.
Als Mozart in Wien eine große Wohnung zu Verfügung hatte, veranstaltete er selbst einen Hausball, worüber er berichtete: „vergangene Woche habe ich in meiner Wohnung einen Ball gegeben … wir haben abends um 6 uhr angefangen und um 7 uhr 5 aufgehört; – was nur eine Stunde? – Nein Nein – Morgens um 7 uhr.“ Das private Tanzvergnügen dauerte also nicht weniger als dreizehn Stunden. Im selben Brief bat Mozart seinen Vater um die Zusendung eines Harlekinkostums, das Leopold zuvor schon getragen hatte: „sie wissen ohne zweifel daß izt fasching ist […] folglich möchte ich sie bitten mir ihr Harlequin kleid zukommen zu lassen.“ 6 Der Fasching sprengte offenbar alle Grenzen – kaum vorstellbar, dass man sogar den gestrengen Leopold auf einer Redoute in einem Harlekinkostüm antreffen konnte.
Die Salzburger Hoftanzmeister Um die Formationstänze bzw. das auf den Redouten getanzte Repertoire kennen zu lernen, war vorausgehender Tanzunterricht notwendig, den sich nur die bürgerliche Schicht sowie der Adel leisten konnten. Zu Zeit Wolfgang Mozarts waren mit Franz Gottlieb Spöckner und seinem Nachfolger Cyrillus Hofmann zwei Hoftanzmeister in Salzburg tätig. Ihre hauptsächliche Aufgabe war der Tanzunterricht für die Edelknaben, also die Kinder des höheren Adels, welche direkt am Hof ihre Ausbildung erhielten. Zusätzlich hatten die Tanzmeister auch die Choreographien für die Tänze in den musiktheatralen Aufführungen, wie auch für die zu Ende des Schuljahres stattfindenden Finalkomödien einzustudieren und unterrichteten die Studenten und die Kinder wohlhabender Familien. Mädchen und Buben erhielten Einzelunterricht und konnten erst bei den offiziellen Veranstaltungen das Erlernte gemeinsam tanzen. Eine weitere Einnahmequelle stellten die vom Tanzmeister betreuten Redouten dar, zu denen jeweils neue Kontretänze einstudiert wurden. Franz Gottlieb Spöckner (1705–1767) wurde als Sohn des seit 1704 in Salzburg amtierenden Tanzmeisters Lorenz Spöckner geboren. Ab 1733 richtete er, wahrscheinlich in Vertretung seines alternden Vaters, bereits Redouten aus. Nach dessen Tod übernahm er 1737 das Tanzmeisteramt, 1739 erwarb er von seiner Mutter Anna Eva Spöckner das Tanzmeisterhaus. Im Januar 1750 sucht er um die Erlaubnis an, „etwelch wenige masquierte Balls in seinem erweiterten Saall“ halten zu dürfen. Daraus geht hervor, dass wohl erst um diese Zeit der Tanzmeistersaal seine heutige Größe erhalten hat. Redouten, also maskierte Bälle, fanden im Allgemeinen im Rathaussaal und nicht in privaten Häusern, ohne Bewilligung daher auch nicht im Haus des Tanzmeisters statt. Bei geschlossenen Gesellschaften und unter guter „Obsicht des ieweilligen Haus Patrons“ wurden jedoch auch Ausnahmen erteilt. Im Dezember 1763 schrieb der um Spöckners Gesundheit besorgte Leopold Mozart aus Paris an Lorenz Hagenauer: „Deme Herrn Tanzmeister empfehle mich, und ich lasse ihn bitten dahin zu sorgen, daß er seiner schone, und sich einen jungen braven Tänzer zulege, der ihn überhebet; Er kann nichts vernünftigeres thun.“ Nach dessen Tod erbte Maria Anna Raab das Tanzmeisterhaus, welche später den ersten Stock an die Familie Mozart vermietete.
Das Menuett, seit Beginn des 18. Jahrhunderts der wichtigste Gesellschaftstanz, bestand aus dem Menuett-Schritt und einigen typischen Bodenwegformationen (Z-Figur, Handtour), die während des Tanzens improvisierend angewendet werden konnten. Das Menuett wurde mit einem Tanzmeister einstudiert, wobei besonders auf eine elegante Haltung der Arme und Beine geachtet wurde. Große Aufmerksamkeit gebührte hier der Riverenza zu Beginn und am Ende jedes Tanzes. Diese fand auch im Umgang mit höheren Standespersonen Verwendung. Mozart konnte bei seinen zahlreichen Auftritten an den Adelshöfen Europas sicherlich davon profitieren. Das Einstudieren der Tänze war dabei keineswegs ein notwendiges Übel, vielmehr bot bereits das Erlernen der Choreographien eine äußerst beliebte gesellige Unterhaltung. Je nach Begabung der mitwirkenden Tänzer konnten mehr oder weniger komplizierte Figuren einstudiert wie auch die Compagnie von acht auf 16 und sogar auf 24 Mitwirkende erweitert werden. Ferdinand von Schidenhofen berichtete in seinem Tagebuch von einem Kontretanz für zwölf Tanzpaare, wofür immerhin sieben Proben angesetzt waren.
War das Menuett zur Einführung in die Tanzkunst unentbehrlich und bot der Kontretanz zur Vorbereitung auf eine Redoute immer wieder Anlass zu gesellschaftlicher Unterhaltung, so war doch der Deutsche Tanz ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unbestritten am beliebtesten. Er war leicht zu erlernen und wurde im Walzerschritt ausgeführt, wobei man den Partner eng am Körper hielt. Dazu gab es unterschiedlichste Armverschlingungen, die teilweise aus dem Volkstanz übernommen wurde, wo sie auch heute noch bekannt sind. Bei diesen Tanzfiguren ergab sich eine körperliche Nähe, die weder beim Menuett noch beim Kontretanz erlaubt war. Wenn „der walzende Tänzer seine Tänzerin ganz umfasst, umschlungen hielt; beide oftmals Knie an Knie, Brust an Brust, eine Gruppe miteinander machten, worin man auf einem Gemälde ein wollüstiges Umarmen zweyer Liebenden erkennen würde“ fiel so manche Schranke der Förmlichkeit. Zahlreiche Schriften gegen den Deutschen Tanz machen deutlich, warum er so beliebt war. Der Kanonikus Johann Georg Jacobi fährt in seiner Kritik an diesem Tanz (1796) fort: „Ist es nicht von einem, auch wohlerzogenen Jüngling zu viel begehrt, daß er bei solchen Lockungen unempfindlich bleiben solle? Wie erst wenn ein abgefeimter Wüstling das Mädchen so in seiner Gewalt hat?“ Der Tanz als sozialer Diskurs
In den Briefen der Familie Mozart wird immer wieder auch der Gesellschaftstanz erwähnt. Daraus geht hervor, dass es eine bedeutende Rolle spielte, wer wo mit wem welche Tänze tanzte. Im Münchner Karneval von 1781 wählte Mozart für einen Kontretanz eine Dame, deren schlechter Leumund bis nach Salzburg vorgedrungen war. Noch Monate später, nämlich am 9. Juni entschuldigte sich Wolfgang bei seinem Vater, indem er beteuerte, dass sein ganzer Umgang mit dieser Person von schlechtem Ruf ausschließlich auf dem Ball bestanden habe, und „nur darum damit ich meiner gewissen Conterdanse tänzerin sicher seye.“ Ansonsten, so beteuerte er, hätte er sich mit ihr nicht getroffen.
Die gesellschaftliche Bedeutung des Tanzes spiegelt sich auch in Mozarts Opern wieder. Die lebenslange Erfahrung mit den Gesellschaftstänzen seiner Zeit kulminiert in der berühmten Tanzszene im Finale des ersten Aktes aus „Don Giovanni“ KV 527. Die Szene findet auf einem Hausball bei Don Giovanni statt und gilt als Paradebeispiel für die Repräsentationsformen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten: Das Menuett verkörpert den Adelsstand, der Kontretanz die bürgerliche Gesellschaft, und der Deutsche Tanz den Diener- bzw. Bauernstand. Mozart lässt alle drei Tänze gleichzeitig erklingen, wobei in der choreographischen Umsetzung auf der Bühne kein Tanz der gesellschaftlichen Norm seiner Zeit entspricht. Don Ottavio und Donna Anna werden beim Menuetttanzen ständig vom Geflüstere der Donna Elvira unterbrochen, Don Giovanni tanzt mit Zerlina zu zweit einen Kontretanz, wofür man eigentlich vier Tanzpaare benötigt. Und Leporello soll Masetto zum Deutschen Tanz, also zu einem erotisch konnotierten Paartanz auffordern. Diese Szene ist nur verständlich, wenn man die Tänze der Zeit kennt. Eine Gleichgültigkeit gegenüber der historischen Tanzpraxis wird Mozarts vielseitiger Kenntnis, seinem choreographischen Wissen und dem daraus resultierenden Umgang mit den unterschiedlichen Formen von Gesellschafts- und Bühnentanz, wie wir es in seiner frühesten Instrumentalmusik bis hin zu den späten musiktheatralen Werken vorfinden, nicht gerecht.
Quelle der Webbearbeitung: Viva!Mozart- Das Journal zur Ausstellung, Bad Honner 2006 1. Nachschrift Wolfgang Mozarts an Rosalie Joy und seine Schwester in einem Brief seiner Mutter an seinen Vater vom 20. Dezember 1777. 2. Dieser Aufsatz wurde zum ersten Mal veröffentlicht in Gerhard Ammerer (Red.): Viva! Mozart. Das Journal zur Ausstellung, Bad Honnef 2006, S. 74-83. 3. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 345, Zeile 7–8. 4. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 344, Zeile 84, 85–86. 5. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 722, Zeile 23–26. 6. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 722, Zeile 17, 20–21. 7. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 73, Zeile 57–60. 8. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 176, Zeile 81–88.
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