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Neue WestfälischeEinen Jux will er sich machen Salzburg. Die letzte
Neuproduktion der
Festspiel-Gesamtschau „Mozart 22” führte
dahin, wo alles begann. In der Aula der Universität startete der
elfjährige Wunderknabe 1767 mit dem Schuldrama-intermedium „Apollo et Hyacinthus” sein Opernschaffen. Kurz zuvor hatte er arbeitsteilig mit den: Lokal-Größen Adlgasser und Michael Haydn eine andere Salzburger Sondertradition bedienen dürfen und den ersten Teil des geistlichen Singspiels »Die Schuldigkeit des ersten Gebots" vertont. Beide Erstlinge wurden nun von John Dew, weiland Spiel-Macher des „Bielefelder Opernwunders”, in dreieinhalbstündiger Kurzweil inszeniert.
Hübsch stilecht das Drama um den mit einem Diskus getöteten Liebling Apolls (wobei das heikle Thema Knabenliebe eh durch
eine Schwester als umbuhltes
Liebesobjekt umgangen ist). Gemalte
Barockprospekte (Heinz Balthes), Helden in opulenten
Reifrock-Roben (José-Manuel Vazquez) und manieriert ausgestellte Singe Posen
markieren edle Einfalt, stille Größe. Delectabilis
est, dies höhere Schultheater in Luxusoptik.
Vielversprechende junge Stimmen mit Mozarteums-Diplom oder
einem Preis beim Mozart-Gesangswettbewerb sowie das von Josef Wallnig drängendklangvoll
beflügelte Universitätsorchester erfreuen fast profilike, dass man aus dem Staunen übers
Klein-Mozarts frühreifes Gewusst wie im hoch virtuosen Affetto nicht herauskommt. Ein Gebot hat Dew noch nie ernst genommen: Du sollst Oper nicht billig verjuxen. So
greift er zur „Schuldigkeit” mit seinen Ausstatter-Spezis ungeniert in die unterste Klamottenkiste mit dem Bauerntheater-Holzhammer und
Heiligen-Kitsch. Jede Arien-Allegorie wird zum Comicstrip aus dem Komödienstadt, wo sich Petrus als Rauschebart-Soubrette und die Madonna im Strahlenkranz, der Christgeist (Bernhard
Berchtold) als kauziges Gummitonsur-Mönchlein
und der Weltgeist (Christiane Karg) als knallroter Seppl-Teufel gar putzig um den in seinem karierten Bauernbubenbett dösenden lauen Christen (Peter Sonn) mühen
und zanken. So mancher hatte weit unter Festspielniveau seinen Spaß daran. Dann doch lieber lachen mit der in „La finta giardiniera” (Die verstellte Gärtnerin) wieder quietschvergnügt, aber
weniger grün aufspielenden Eventnudel Doris Dörrie, Dass sich ein desperates
Rokoko-Pärchen(Gräflein Blumenschön glaubt seine Geliebte Violante im Affekt getötet zu
haben) in einem Garten-Baumarkt (Bühne: Bernd
Lepel) wiederfindet, macht ansehnlich Sinn. Freilich, wo Mozarts
Genie die Gefühlswirren bis in existentielle Seelen-Abgründe treibt, wirbeln hier nur kunterbunte
Abziehbilder umher. Musikalisch klangs nach Salzburger Festspielmaßstäben eher
mittelmäßig; namhaft-stilvoll mehr bieten John Mark Ainsley und Véronique Gens,
allein Salzburgs Papageno Markus Werba dienert mit hinreißend erfülltem
Mozartgesang. Ivor Bolton und das Mozarteum-Orchester passen sich an und setzen
hier mehr auf akzentpralle nassforsche Direktheit denn feinere Schattierung. Auf einen Streich 22 Mal Spitzenklasse, wie sie
beispielsweise Nikolaus Harnoncourts
Züricher „Finta” und Wiener "Schuldigkeit" unlängst boten, geht eben nicht. Dass der
Endsiebziger kürzer treten und
in Salzburg gar keine Oper mehr dirigieren wird, ist die wohl schwerste
Hypothek für die künftige Intendanz Flimm. Den mit größten, stürmisch gefeierten Festspiel-Höhepunkt setzte zuletzt der von Ursel und Karl-Ernst Herrmann neu
aufgelegte „Idomeneo”. Die verspielt-abgründige Sicht auf das Drama um ein von Neptun
eingefordertes Königssohnopfer ist erfüllt von
bekannt erlesener Bildpoesie, subtiler Seelenschau
und purer Stimmschönheit: Ramón Vargas
klangfülliger Belcanto-Tenor wirft sich in ungeahnte Koloraturverve; Magdalena
Kozena macht als Idamante ergreifend innige Leidensfigur, Anja Harteros auch
das Zärtlich-Verletzte der Furie Elettra hörbar wie lange keine. Vergangen ist der Mozart-Marathon damit nicht: Alle 22 Opernproduktionen, mehr als 50 Stunden Mozart, werden zum Jahresende in einer ebenso monumentalen Edition auf DVD erscheinen. |