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Neue Westfälische
2006.9.1

Einen Jux will er sich machen

VON MICHAEL BEUGHOLD

 

 Salzburg. Die letzte Neupro­duktion der Festspiel-Gesamt­schau „Mozart 22 führte dahin, wo alles begann. In der Aula der Universität startete der elfjährige Wunderknabe 1767 mit dem Schuldrama-intermedium „Apollo et Hyacin­thus” sein Opernschaffen.

Kurz zuvor hatte er arbeitstei­lig mit den: Lokal-Größen Adlgasser und Michael Haydn eine andere Salzburger Sonder­tradition bedienen dürfen und den ersten Teil des geistlichen Singspiels »Die Schuldigkeit des ersten Gebots" vertont. Beide Erstlinge wurden nun von John Dew, weiland Spiel-Macher des „Bielefelder Opernwunders, in dreieinhalbstündiger Kurzweil inszeniert.

 

Hübsch stilecht das Drama um den mit einem Diskus getöte­ten Liebling Apolls (wobei das heikle Thema Knabenliebe eh durch eine Schwester als um­buhltes Liebesobjekt umgangen ist). Gemalte Barockprospekte (Heinz Balthes), Helden in opu­lenten Reifrock-Roben (José-Manuel Vazquez) und manie­riert ausgestellte Singe Posen markieren edle Einfalt, stille Größe. Delectabilis est, dies hö­here Schultheater in Luxusop­tik. Vielversprechende junge Stimmen mit Mozarteums-Diplom oder einem Preis beim Mozart-Gesangswettbewerb sowie das von Josef Wallnig drängendklangvoll beflügelte Universitäts­orchester erfreuen fast profi­like, dass man aus dem Staunen übers Klein-Mozarts frühreifes Gewusst wie im hoch virtuosen Affetto nicht herauskommt.

Ein Gebot hat Dew noch nie ernst genommen: Du sollst Oper nicht billig verjuxen. So greift er zur „Schuldigkeit” mit seinen Ausstatter-Spezis unge­niert in die unterste Klamotten­kiste mit dem Bauerntheater-Holzhammer und Heiligen-Kitsch. Jede Arien-Allegorie wird zum Comicstrip aus dem Komödienstadt, wo sich Petrus als Rauschebart-Soubrette und die Madonna im Strahlenkranz, der Christgeist (Bernhard Berch­told) als kauziges Gummitonsur-Mönchlein und der Weltgeist (Christiane Karg) als knallroter Seppl-Teufel gar putzig um den in seinem karierten Bau­ernbubenbett dösenden lauen Christen (Peter Sonn) mühen und zanken. So mancher hatte weit unter Festspielniveau sei­nen Spaß daran.

Dann doch lieber lachen mit der in „La finta giardiniera” (Die verstellte Gärtnerin) wieder quietschvergnügt, aber weniger grün aufspielenden Eventnudel Doris Dörrie, Dass sich ein des­perates Rokoko-Pärchen(Gräf­lein Blumenschön glaubt seine Geliebte Violante im Affekt getötet zu haben) in einem Garten-Baumarkt (Bühne: Bernd Lepel)

wiederfindet, macht ansehnlich Sinn. Freilich, wo Mozarts Ge­nie die Gefühlswirren bis in exis­tentielle Seelen-Abgründe treibt, wirbeln hier nur kunter­bunte Abziehbilder umher. Mu­sikalisch klangs nach Salzburger Festspielmaßstäben eher mittelmäßig; namhaft-stilvoll mehr bieten John Mark Ainsley und Véronique Gens, allein Salz­burgs Papageno Markus Werba dienert mit hinreißend erfüll­tem Mozartgesang. Ivor Bolton und das Mozarteum-Orchester passen sich an und setzen hier mehr auf akzentpralle nassfor­sche Direktheit denn feinere Schattierung.

Auf einen Streich 22 Mal Spit­zenklasse, wie sie beispielsweise Nikolaus Harnoncourts Züricher „Finta” und Wiener "Schuldigkeit" unlängst boten, geht eben nicht. Dass der Endsiebziger kürzer treten und in Salz­burg gar keine Oper mehr dirigieren wird, ist die wohl schwerste Hypothek für die künftige Intendanz Flimm.

Den mit größten, stürmisch gefeierten Festspiel-Höhepunkt setzte zuletzt der von Ursel und Karl-Ernst Herrmann neu aufge­legte „Idomeneo”. Die verspielt-abgründige Sicht auf das Drama um ein von Neptun eingeforder­tes Königssohnopfer ist erfüllt von bekannt erlesener Bildpoe­sie, subtiler Seelenschau und pu­rer Stimmschönheit: Ramón Vargas klangfülliger Belcanto-Tenor wirft sich in ungeahnte Koloraturverve; Magdalena Kozena macht als Idamante ergrei­fend innige Leidensfigur, Anja Harteros auch das Zärtlich-Ver­letzte der Furie Elettra hörbar  wie lange keine.

Vergangen ist der Mozart-Ma­rathon damit nicht: Alle 22 Opernproduktionen, mehr als 50 Stunden Mozart, werden zum Jahresende in einer ebenso monumentalen Edition auf DVD erscheinen.

 
(c) Mozart Opern Institut
2007-2010