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| Mozart und Goethe |
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Manfred Osten Zwischen allen Stühlen |
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![]() Vater und Sohn Mozart (GMD, Foto: Walter Klein, Düsseldorf) |
Als späte Huldigung eines Unzeitgemäßen an einen Wahlverwandten, an einen, der -wie er selber - prädestiniert war, sich zwischen alle Stühle zu setzen: bis auf den heutigen Tag. Wie das? War Mozart nicht der, für den man ihn halten durfte, der erfolgreiche „Meister des Rokoko”? Hatte er nicht 1778 „Les petits riens” komponiert und damit das Schlagwort des „Rokoko” schlechthin geliefert? Der Schein trügt, denn bei Licht besehen hatte das Rokoko sich bereits um 1760 verabschiedet. Die Architektur dieser Spätphase des Barock, die sich dem jungen Mozart auf seinen Reisen präsentierte, war bereits passe: Mozart kam ziemlich genau ein Menschenalter zu spät. Auch Johann Wolfgang von Goethe.Kreidezeichnung von Johann Heinrich Lips, 1791, (FDH)
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das
Rokoko der Literatur war schon aus der Mode geraten. Gleims
„Scherzhafte Lieder”, Höhepunkte dieses Stils, waren 1744 erschienen.
Die von Mozart komponierten Texte gehören überwiegend dem zum Zopfstil
verbürgerlichten Spätrokoko der Literatur an, sind angesiedelt in der
Nähe der Schäferdichtungen Geßners, dem der zehnjährige Mozart 1766 in
Zürich begegnet ist. Die „neueren deutschen Dichter" hat Mozart kaum
gekannt. Ein Lied des zarten Hainbund-Poeten Hölty (KV 530, 1787)
bleibt ein Zufallstreffer. Und Goethes Veilchen? Ein Zufall auch dies.
Denn als Mozart diese Verse aus Goethes „Erwin und Elmire” komponierte,
hielt er sie für ein Gedicht von Christian Weiße.
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Ein Bild, das Tiefenschärfe erst gewinnt, wenn man hinzufügt, daß es früh überschattet war. Abert hat hingewiesen auf die dämonischen Züge des 1767 verstorbenen Schlesiers Schobert, der Mozart beeinflusst haben dürfte zu jenen "häufigen Ausbrüchen wilder Leidenschaften" in den Durchführungsteilen der Sonaten, die im grellen Widerspruch stehen zu den Gepflogenheiten der Gesellschaftkunst seiner Zeit.
Ein Widerspruch, dem Mozart real begegnete auf seiner zweiten Pariser Reise 1778, wo sich in Vaudevilles und Singspielen und im Theater der Madame Favart die kommenden politischen Erschütterungen ankündigten in Gestalt sozialer Kritik, und wo Mozarts Fürsprecher und Gönner, Melchior Grimm, politische Farbe bekannte als Bewunderer Voltaires und Gegner Rousseaus. Nicht ohne Wirkung auf Mozart. Denn, wie Konstanze gegenüber Novello versichert, befand sich unter der Lieblingslektüre Mozarts ein Werk in neun Bänden, das in den österreichischen Staaten auf der Zensurliste der verbotenen Bücher figurierte; „eines der französischen revolutionären Werke”, wie Novello vermutet.
Aber das ist bereits Rückblick, ironisch-distanziert und im
Sinne
jenes Wortes. das Goethe unterm 19. September 1826 gegenüber Graf
Sternberg anvertrauen wird: „Aber mit dem Positiven muß man es nicht zu
ernsthaft nehmen, sondern sich durch Ironie darüber erheben und ihm
dadurch die Eigenschaft des Problems erhalten.”
Theaterzettel der Zauberflöte 1791, (ISM)
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Jetzt,
im Augenblick der „Iphigenie”, wagt er — wie Mozart – das „Positive”
einer Utopie: Goethes Iphigenie und Mozarts Pamina wagen den Neuesten
Bund, die Humanität, die Oben wie Unten befreit. Sie wagen, die
Wahrheit zu sagen, „und sei es auch Verbrechen”. Freilich, mit einer
Einschränkung: dem Individuum gelingt das Wagnis der Autonomie nur,
wenn ihm — wie es Goethe formuliert — „ganz unerwartete Dinge von außen
zu Hilfe kommen”: in Gestalt der „Gnade”.
Pamina markiert ziemlich
genau diesen Übergang zwischen dem Reich der „Gnade”, diesem letzten
(und schon resignativen) Hoheitsakt eines Einzigen, des Souveräns, und
dem Reich der Autonomie, des zu sich selbst befreiten Einzelnen.
Mozarts Pamina gelingt, was auch Goethes Iphigenie „inszeniert”, das
ganz „Unerwartete” von außen, von oben: sie bewegt, ja, zwingt den
Souverän zu ihrer Begnadigung.
Der Dramaturg und Theaterkritiker
Ivan Nagel hat 1985 in seinen Reflexionen über Mozarts Opern hierzu
angemerkt: „Die Humanität der 'ersten' Klassik, deren Bild von Ganzheit
ein Ruf nach Ergänzung war, konnte wohl nur in der kurzen Assoziation
von Adel und Bürgertum gedacht werden, die (in Wien und Weimar) unter
dem Schutzkonstrukt einer aufgeklärten Despotie stand”. Ein
„Schutzkonstrukt”, das sich, wie Nagel hinzufügt, als unhaltbare
„politische Chimäre” erweisen sollte.
Mozarts Pamina und Goethes
Iphigenie, eine Zeitgenossenschaft also zwischen allen Stühlen,
zwischen allen Zeiten, die Zeitgenossenschaft eines utopischen
Augenblicks?
Es scheint so. Und Mozarts eigener Ort zwischen
diesen Stühlen? Er ist schwer auszumachen. Ivan Nagel hat mit guten
Gründen nachgewiesen, daß Mozarts Genie sich zwischen den Stühlen der
„Gnade” (des Ancien Régime) und des Prinzips Hoffnung der Autonomie als
ein wahrer Proteus zu bewegen verstand: Gnade steht für ihn im Zentrum
der opera seria, während Autonomie die großen Musikdramen bewegt, die
Mozart zwischen 1781 und 1791 aus der alten, erstarrten Gattung befreit.
2 Figuren aus der Zauberflöte, Leipzig 1793, Nr. 9 und 10 Mozart-Archiv (ISM |
Mozart also als Wanderer zwischen den
Welten? Seltsam genug: noch im Sommer 1791, im Augenblick, da das
flüchtige Königspaar Frankreichs bereits von seinem Volk verhaftet
wird, komponiert Mozart für seinen Souverän, Kaiser Leopold II., eine
Krönungsoper, die den allen Verschwörern gegenüber gnadenvollen
Herrscher preist.
Ein Schritt
zurück? Eingetauscht jedenfalls gegen zwei Schritte nach vorn: im Don
Giovanni. Mozart fühlt hier Künftiges jäh voraus. Nämlich die rasch
einsetzende Selbstverdunkelung der Aufklärung durch Ideologie: in der
Gestalt des Don Giovanni verfällt ein schrankenlos autonomes Ich der
Verdammnis. Die Freiheit des Verführers wird aufgeopfert im Namen einer
bürgerlichen Moral, die sich dann im zweiten Akt der „Zauberflöte”
offenbaren wird: in der Prüfungsgeschichte statuiert sie ihr Gesetz des
leistungsbedingten Lohns. Und in der Freimaurermusik kündigt sich jenes
Weltbild
an, das den Pfad der Tugend als universal deklariert und zugleich die
Abweichung hiervon als das „Böse” zur Liquidierung freigibt.
Mozart am Klavier (Detail). Dieses Ölgemälde
stammt von Mozarts Schwager Joseph Lange, der
es in den Jahren 1782-83 in Wien malte. Das
unvollendete, jedoch sehr schöne Bildnis gab -
nach Konstanzes Worten zu urteilen - ihren Gatten am besten wieder. (ISM)
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Daß
Mozarts Reputation in seinen letzten Lebensjahren nachließ und er ins
Abseits der Öffentlichkeit geriet, haben seine Biographen früh in
Rappor gesetzt mit seinem Wunderkind Ruhm. Sicher ist, daß Mozart (und
seine Schwester) nicht nur als Sensation bestaunt, von Musikern
geprüft, von Philosophen gedeutet und von den Fürstinnen halb Europas
gehätschelt wurden. Man deutete ihre Existenz vielmehr als ein Zeichen
der Gnade Gottes im Sinne des immer noch virulenten barocken
Leitbegriffs des „Wunderbaren”. Der Akzeptanz eines anderen Mozart als
der des „Wunderkinds” durch eine breitere Öffentlichkeit waren damit
von Anfang an Grenzen gesetzt. Hinzu kommt in Mozarts späteren Jahren
die wachsende Spannung zwischen Konvention und Personalstil. Mozart
vollzieht in der Mitte seines Lebens jene Wendung zur Freiheit einer
ganz persönlichen Ausdrucks- und Gestaltungsweise, die ihn zunehmend in
die Isolation geraten läßt. Was erst die Nachwelt als qualitativen
Sprung erkannte, stieß beim zeitgenössischen Publikum auf Befremden und
Unverständnis.
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Und Mozarts kurzes Leben ist ganz von diesem langen Leben Goethes umschlossen. Es führt Goethe über die Jugenderfolge des „Götz” und „Werther” zu einer „Größe” zwischen allen Lagern und Fronten, die nicht zuletzt ablesbar ist an den Krisen, den Mißerfolgen, dem Halbgeglückten, den Enttäuschungen, den Widersprüchen, den Disharmonien gegenüber den Zeitgenossen und der Zeit, aus der er wiederholt die Abreise praktiziert. Hierzu zählt ausgerechnet auch seine „Iphigenie”, diese natürliche Tochter der „Pamina” Mozart: sie wird ein literarischer Mißerfolg. Hierzu zählt ausgerechnet auch, daß Goethe vier Jahre vor seinem eigenen Tode und 37 Jahre nach Mozarts Tod ausdrücklich Mozart posthum zum musikalischen Testamentsvollstrekker seines „Hauptgeschäfts”, des „Faust', ernennt. Der Einsame der Restaurationsära, eingeklemmt zwischen Deutschtümlern und Liberalen, Vaterländern und Generationen, ernennt Mozart zum Zeitgenossen seiner Unzeitgemäßheit und trägt ihm posthum den „Faust” an. Dieses opus magnum einer durch Ironie und verhüllende Symbolik verfremdeten Gegenzeitlichkeit, die Tragikomödie der Menschheit und ihrer Irrtümer überantwortet er dem Schöpfer des Don Giovanni. Und Goethes Eckermann nimmt es am 12. Februar 1829 zu Protokoll: „Mozart hätte den Faust komponieren müssen.”
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Goethe,
der Weltenbürger und Weimaraner, der Kosmopolit in der Provinz, im
Zwischenreich zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht, das sich
soziologisch orten ließe als Zwischenbereich einer Vor- wie
Nachbürgerlichkeit, hatte in einem Brief vom 3. November 1820 bemerkt:
„... es gibt noch manche ... phantastische Irrtümer auf Erden ... Durch
diese sollte unser Freund Faust sich auch durchwürgen.” Mozart allein
also hätte diese „phantastischen Irrtümer” komponieren können? Diese
faustische uralt-neue Menschheitsgeschichte der Illusionen und
Enttäuschungen, der Liebe und Gewalt, der Macht und des
Machtmißbrauchs, des Kriegs und des Wirtschaftsschwindels samt ihrem
Opernschluß der Gnade und Erlösung?
Goethe war davon überzeugt,
daß nur Mozart dies hätte leisten können. Und er hat die Begründung
gleich mitgeliefert: „Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie
(nämlich die zum Faust ,passende Musik') stellenweise enthalten müßte,
ist der Zeit zuwider. Die Musik müßte im Charakter des Don Juan sein.”
Abstoßendes,
Widerwärtiges, Furchtbares also hatte Goethe gehört im Don Giovanni,
ganz im Gegensatz zum Klang der apollinischen und der griechischen
Grazien, den dann die Romantik dem Mozartschen „Licht und
Liebesgenius” (Richard Wagner) andichten wird.
Faust und Don Giovanni, zwei Höllenfahrer? Also Brüder im Geiste?
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Er
studierte in Hamburg und München Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaft
und Literatur, in Luxemburg internationales Privatrecht. Beide juristische Staatsexamina
in München, Promotion 1969 in Köln. Im
Auswärtigen Dienst tätig an den Botschaften in Kamerun, Tschad, Ungarn und
Japan, sowie im Generalkonsulat Melbourne. Seit 1993 Leiter des Osteuropa-Referats im Presse- und
Informationsamt.
Zu seinen Veröffentlichungen zählen Lyrik und Essays, zahlreiche Aufsätze und Rezensionen für diverse Zeitungen, Beiträge für Rundfunk und Fernsehen. Außerberufliche Interessengebiete: Wandern, Kammermusik (als Bratschist), soziokulturelle Themen Japans und Studien zur Goethe-Zeit.
Order of the Rising Sun; Japan 1993
Marin Drinov-Medaille; Auszeichnung der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften; 1997
Ehrenmedaille der Universität Tacna; Peru 1998
Silber-Medaille der Karls-Universität Prag; Tschechien 1998
Medaille zur Förderung der Wissenschaften der Slowakischen Akademie der
Wissenschaften; 1998
Ehrenmitglied des Senats der Al, 1. Cuzua-Universität lasi; Rumänien 2000 Dr. h. c. (phil.) der Universität Bukarest; Rumänien 2001
Dr. h. c. (phil.) der Universität Pécs; Ungarn 2001
Dr. h. c. (Ing.) der Technischen Universität lasi; Rumänien 2003
Dr. h. c. der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (BAW); 2003
Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 2001
Aufsätze und Rezensionen u.a. für Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Neue Züricher Zeitung, Die Welt, in Japan: freier Mitarbeiter der Tokyo Shimbun. Schwerpunkte: Philosophie, Literatur, Musik, Japan
Der Baum der Reisenden, Gedichte (mit 33 Illustrationen von Horst Janssen);
Verlag St. Gertrude, Hamburg 1993
Die Erotik des Pfirsichs, 12 literarische Portraits japanischer Schriftsteller;
Insel-Suhrkamp-Verlag 1996 (Herausgeber):
Alexander von Humboldt. Über die Freiheit des Menschen,
Insel-Suhrkamp-Verlag 1999
Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit, Zur Aktualität eines Klassikers im 21. Jahrhundert, übersetzt in mehrere Sprachen;
Insel-Suhrkamp-Verlag 2003
Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und das Ende der Erinnerungskultur,
Insel-Suhrkamp-Verlag 2004
Die Kunst, Fehler zu machen; Insel-Suhrkamp-Verlag 2006
ARD-Talkshow ZDF-Nachtstudio, Alpha-TV (Bayerischer Rundfunk);
über 30 TV-Interviews mit Alexander Kluge in RTL, SAT 1, VOX, XXP Spiegel TV u.a. zu geisteswissenschftlichen und historischen Themen
u. a. WDR, NDR, Bayerischer Rundfunk, RBB, Radio Bremen
Mitwirkung als Tutti-Bratschist im Melbourne Symphony Orchestra und in der Victorion State Opera (Australien) von 1981 bis 1983
Gastproffessuren: Graz und Péscs
Lesungen und Vorträge im Inland und im Ausland