drehpunktkultur_Apollo Festspiele 2006.08.28
MOZART 22/21: „DIE SCHULDIGKEIT DES ERSTEN GEBOTS“
Ex voto oder: Geistliche Löwingerbühne
Mozarts Beitrag zum geistlichen Pasticcio-Singspiel ist in der Regie von John Dew kindlich-pralles Volkstheater.
Von Reinhard Kriechbaum
27/8/06 Der Christ trägt nicht nur eine Schlafmütze, er ist auch eine. Da braucht es schon das Engagement einer hochkarätigen Himmels-Delegation, um ihn den Klauen des „Weltgeists“ zu entwinden. Die Barmherzigkeit ist in Gestalt der Gottesmutter tätig, im Strahlenkranz, wie vom Barockaltar von Maria Plain herabgestiegen. Die Gerechtigkeit, einen Sopran singenden Herrn im Rauschebart, weisen die Insignien als heiligen Petrus aus. Der dritte im geistlichen Bunde - und zugleich Kommunikationsmanager der Gruppe - ist der Christgeist, ein Kapuziner oder dergleichen Minderbruder mit brauner Kutte, Cingulum und Tonsur. Aber die Weltseite ist schließlich auch stark da: der rote Weltgeist hat einige Sub-Teufel als Assistenten, die sich schon mal übers Publikum hermachen.
Nach dem barock-stilisierten „Apollo et Hycinthus“ geht es in der Großen Aula mit der „Schuldigkeit des Ersten Gebots“ nach der Pause herzhaft und volkstümlich weiter. Regisseur John Dew, der Engländer, hat sich in Salzburg und in den Wallfahrtskirchen der Gegend genau umgesehen. Dort hat er die vielen Votivbilder entdeckt, und diese Zeugnisse einer geradlinigen, absolut un-intellektuellen, aber aufrichtigen Volksfrömmigkeit haben es ihm angetan. <!--[if !vml]--> <!--[endif]-->Diese Bildwelt wurde haarklein umgesetzt. Da wird vom Jäger und dem Löwen gesungen, und schon sind die beiden da. Das hat etwas Naives, Kindisches - und wird dem Stück vermutlich eher gerecht als alle Nach-, Um- oder Neu-Interpretation. Schließlich ist dieser (deutsche) Text ja auch plakativ umgesetzte Katechismus-Weisheit: eine geradlinige Anleitung für jene, denen man eigene, gar komplexere Gedanken weder zutraut noch zugestehen möchte.
Wieder sind das Orchester der Universität Mozarteum unter Heinz Wallnig am Werk. Am Premierenabend (Freitag, 24.7.) nach „Apollo et Hyacinthus“ und elendslanger Umbaupause aber merklich ermüdet und weniger konzentriert. Der elfjährige Mozart hat sich offenkundig auch mit Apollo leichter identifizieren können als mit den Relegionjsunterrichts-. Freilich ist’s auch gute Musik, aber im direkten Vergleich der bühnendramatischen Erstlinge hinkt die „Schuldigkeit des Ersten Gebots“ deutlich hinterher, auch wenn eine Arie wie jene mit der obligaten Posaune als eine früher Genie-Blitz zu werten ist. Der in dieser Inszenierung durch den Saal marschierende Posaunenengel hat die Nerven übrigens gründlich weggeschmissen. Es wäre insgesamt gescheiter gewesen, aus den beiden kurzen Werken zwei Abende zu machen.
<!--[if !vml]--> <!--[endif]-->Gesungen wird auch hier sehr ordentlich: Christiane Karg ist ein schneidiger Weltgeist, dem man sich nicht so leicht entzieht. Michiko Watanabe (Gerechtigkeit) und Cordula Schuster (Barmherzigkeit) argumentieren stimmlich und stilistisch einwandfrei und der Tenor Bernhard Berchtold, ein gestandener Liedsänger, stellt den Kontakt zum (zuerst schlafenden) Christen Peter Sonn äußerst mitteilsam her. Ein blutvolles Bühnen-Ex-Voto also mit szenischer Schlagseite zur Löwingerbühne – aber musikalisch deutlich ertragreicher. Wären doch nur im Verlauf von "Mozart 22" in allen "kleineren" Werke so sorgfältig und homogen ausgesuchte Ensembles am Werk gewesen! |