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Die Presse
2006.08.28 KRITIK: SALZBURGER FESTSPIELE Kampf um die Seele des lauen Alpenland-ChristenAus Mozarts Kindheit: „Apollo und Hyazinthus” als Museumsstück, „Die Schuldigkeit des ersten Gebots” als derb-rustikale Posse. VON WALTER WEIDRINGER „Mozart 22”, diesem Salzburger Weltrekord eignet ja etwas unverblümt Sportives: Die lexikalische Aufzählung seiner musikdramatischen Werke war noch nie da und wird wohl auch nicht zu überbieten sein, ohne dass man verdienten Hohn auf sich zöge — indem man sie beispielsweise in 50 Jahren rund um die Uhr ohne Pause spielte. Mozart, der Olympier: ein Anlass besonders für logistische und körperliche Spitzenleistungen. Doch schwingt bei alledem mit: Ein Gutteil des künstlerischen Werts dieses Vorhabens erschöpft sich in der Möglichkeit, einen (annähernd) integralen Blick auf das Bühnenschaffen werfen zu können.
Weil man ja auch die beiden frühesten dramatischen Beiträge des Elfjährigen aufzuführen hatte, besann man sich der Geschichte und kehrte mit dem lateinischen Schuldrama „Apollo et Hyacinthus” an den Uraufführungsort, die Große Aula, zurück, wo einst die Benediktiner mit ihren Gymnasiumszöglingen erbauliche Aufführungen darboten. Das geistliche Singspiel „Die Schuldigkeit des Ersten Gebots” wurde seinerzeit zwar im Rittersaal der Residenz gegeben, folgte aber dennoch nach der Pause. Wie sich zwei so unterschiedlichen Stücken nähern? Nun, Regisseur John Dew interpretierte den Doppelpack als Tragödie und Satyrspiel. Von Heinz Balthes ließ er sich ein flaches Bühnenportal mit sozusagen selbstbezüglich barocker Scheinarchitektur bauen — und wagte es, den „Apollo” tatsächlich historisierend zu inszenieren: hochgetürmte Frisuren, ausladende Roben (Dosé-Manuel Vasquez), bloß durch streng stilisiertes Gestenvokabular gelockerte Statik vor schwach beleuchteten, gemalten Prospekten nebst Illusionsmaschinerien von anno dazumal — wobei sich die hübschen Meeres-Walzen, mit deren Hilfe man sich das Spiel der Wellen imaginierte, beim Drehen prompt verkeilten. Zarter vokaler Lichtblick in der braven jungen Besetzung war ausgerechnet jene den Mythos störende Figur, die Librettisten-Pater Widl als Objekt der Begehrlichkeit hinzugefügt hatte, wohl um seine Knaben von der Männerliebe zwischen Apollo und Hyazinth abzulenken: Christiane Karg ver- sprach als zarte Melia vielleicht noch mehr, als sie nach der Pause in der Rolle des teuflisch-verführerischen „Weltgeistes” einlösen konnte, dominierte aber die „Schuldigkeit” klar. Von der Hochkultur gelehrter Antikenbearbeitung zum bewusst Volkstümlichen wendete sich da das Inszenierungsblatt. Die rustikale Frömmigkeit von Marterln und Votivbildern gab den derb-komischen Stil vor, in dem Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Christgeist zwischen den Gesetzestafeln des Moses um des lauen Alpenland-Christen Seele kämpften, wobei zahlreiche Gags zum Teil gnädig von den schwierigen Arien ablenkten. Lachen über das Fremde Josef Wallnig hielt das Orchester wacker zusammen, der Altposaunist, als Engel mit der Posaune auf die Bühne gebracht, glänzte bei seinem heiklen Solo. Das Spannendste: Zum Lachen reizten das Publikum beide Realisierungen. Weil die mitfiebernden Freunde und Verwandten der Ausführenden jede Gelegenheit zur Spannungsableitung dankbar ergriffen, aber auch, weil Stil und Inhalt der Werke doch fremd geworden sind. Eine Lehre aus dem Mozartjahr?
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