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Backstage - Josef Wallnig Print E-mail


Wer den emeritierten Mozarteum-Professor Josef Wallnig in seinem Salzburger Wohnhaus am Alten Markt besucht, begibt sich in vielerlei Beziehung auf eine Zeitreise.

Quelle: Magazin  MozArt, 2., Ausgabe, März 2018

BACKSTAGE

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Wer den emeritierten Mozarteum-Professor
Josef Wallnig in seinem Salzburger
Wohnhaus am Alten Markt besucht,
begibt sich in vielerlei Beziehung
auf eine Zeitreise.

Das 600 Jahre alte gebäude im gotischen Stil hat zwei Weltkriege unbeschadet überstanden, beherbergte unter anderem die Kaufmanns-Familie Heffter, die in Salzburg zwei Bürgermeister stellte, sowie einen gewissen Georg Nikolaus Nissen und seine Gemahlin, die Mozart-Witwe Constanze. Ein Haus mit Atmosphäre, das mit seinem historischen Mobiliar fast wie ein Museum wirkt und deshalb auch schon für Lehrveranstaltungen, Führungen und kleine Feste im Stile der Mozart-Zeit genutzt wurde. Dass Georg und Constanze just in jenem Haus mit ihrer Arbeit an einer der ersten Mozart-Biographien der Geschichte begannen, schlägt einen wunderbaren Bogen zum heutigen Bewohner Josef Wallnig, einem der profundesten Salzburger Mozart-Experten. Als Dirigent, Kapellmeister sowie Leiter der Opern-Abteilung und Gründer des Mozart-Opern-Institutes an der Universität Mozarteum begeistert er seit Jahrzehnten junge (und natürlich auch ältere) Menschen für das Leben und Werk des Salzburger Musikgenies – und das nicht nur in Salzburg, sondern auch an vielen ausländischen Partner-Institutionen. 

Dabei war und ist besagtes Mozart-Opern Institut, das aktuell als Institut für Mozart-Interpretation (Schwerpunkt: Musiktheater) geführt wird, sein „Herzensprojekt“. 

 _ Wie entwickelte sich von der kindlichen Begeisterung für die Volksmusik mit Hackbrett, Gitarre und Blockflöte die lebenslange Leidenschaft für die klassische Musik? Ein zentraler Punkt war wohl, dass ich mit acht Jahren so gern Hirterbub beim Salzburger Adventsingen werden wollte, und das nicht funktioniert hat – vermutlich weil ich ein etwas hochgestochenes Deutsch und keinen Hirterbuben-Dialekt gesprochen habe. Zum Trost kaufte mir meine Mutter ein Klavier, das mein Leben trotz anfänglichem, großem Widerstand von meiner Seite in diese Richtung verändert hat. Ich war später zehn Jahre am Mozarteum, Klavier und Komposition, studierte in Wien Dirigieren bei Hans Swarowsky und kehrte über eine Zwischenstation bei Franco Ferrara in Rom in meine Heimatstadt Salzburg zurück, wo die musikalische Berufung letztlich im Beruf und in der Glückseligkeit mündete – mit einer prägenden Zeit als Assistent von Karl Böhm bei den Salzburger Festspielen sowie am Landestheater und kurz danach am Mozarteum. Parallel mit Peter Lang war ich damals einer der jüngsten Professoren Österreichs. Und schließlich sind später auch noch viele Fenster und Türen zur Welt aufgegangen, nach Amerika, Japan, Korea, Russland, China und so weiter. Das habe ich damals nicht erwartet und bin unglaublich glücklich.

_ Nach ersten Aktivitäten bereits ab dem Jahr 2004 wurde am Mozarteum 2006 auf Ihre Initiative hin das Mozart-Opern Institut eingerichtet. Welche Gedanken haben Sie zur Gründung veranlasst? Da Mozarts Musik eigentlich zentral eine musikdramatische ist, lag es nahe, hier am Mozarteum einen besonderen Scheinwerfer auf die Oper zu richten. Etwas plakativ formuliert, hat Mozart im Grunde nur Opern geschrieben. Musikdramatische Ansätze sind immer und überall zu finden – in der Kirchenmusik, in der Kammermusik, auch wenn man ein Lied wie „Das Veilchen“ betrachtet, ist das eine kleine Oper. Ich liebe die Geschichte von der Pianistin Mitsuko Uchida, die am Mozarteum einen Kurs leitete und zu einer japanischen Klavierstudentin sagte: Kennen Sie die Mozart-Opern? Wissen Sie, Sie müssen alle Mozart-Opern kennen!

_ Der Fokus des Institutes lag aber vorrangig auf den „echten“ Mozart-Opern… Die Grundidee war es, verschiedene wesentliche Faktoren zu bündeln, um Mozart-Opern fundamental zu begreifen, zu verstehen, zu lehren und zu interpretieren. Wissenschaft und Praxis als einander ergänzende Module. Entwickelt hat es sich dann in die Richtung, dass man bei uns eine Leistung abholen kann – ein bisschen wie bei einem Dienstleistungsunternehmen. Man kommt zum Institut, um etwas vertiefend zu erfahren, wobei wir nicht nur für Sänger, sondern auch für Dirigenten, Pianisten und alle anderen Interessenten offen sind. Es kann jeder ordentliche Studierende inskribieren, was vor allem beim Modul „Salzburg und Mozart“ mit Führungen an musikalisch relevante Orte in Salzburg, Wien und München passiert. Modern formuliert könnte das Mozart-Opern Institut bzw. jetzige Institut für Mozart-Interpretation auch den Beinamen „Backstage Mozart“ tragen. 

_ „Salzburg und Mozart“ ist ja ein wichtiges Fach für das Verständnis des kulturellen Hintergrunds. Was wird abseits davon an Modulen angeboten? Und von wem? Da ist natürlich die ganze vokale Aufführungspraxis, dann Mozart und Tanz, also historischer Gesellschaftstanz, und die szenische Aufführungspraxis bzw. barocke Gestik zur Zeit Mozarts und davor. Und obwohl alles völlig freiwillig ist, weil wir keine Pflichtveranstaltungen haben, ist der Zuspruch groß. Es kommen dadurch nur Leute, die es wirklich interessiert. Mitarbeiter des auch durch großzügige Drittmittel finanzierten Institutes sind u. a. der Stellvertretende Leiter Wolfgang Brunner, Margit Legler, Michael Malkiewicz, die zentrale Korrepetitorin Almira Kreimel und meine Person. 

_ Sie waren zuvor auch Leiter des Mozarteum-Departments für Musiktheater. Was hat sich nach ihrer Emeritierung 2014 und dem Wegfall dieser Personalunion für das Institut geändert? Die Kompetenz und die großen Ressourcen für Oper von Monteverdi bis zur Gegenwart liegen ganz klar beim Department für Oper und Musiktheater und beinhalten natürlich auch Mozart. Also versucht sich das Institut für Mozart-Interpretation in der jüngeren Vergangenheit mit kleineren Werken rund um Mozart zu Mozarts Zeit zu profilieren: Werke von Michael Haydn oder Leopold Mozart, kleine szenische Projekte und historische Perlen, die nicht so viel Aufwand verlangen. Was diese Ausrichtung anbelangt, sind mein Stellvertreter Wolfgang Brunner und ich Brüder im Geiste. Und wir halten natürlich gerne den einen oder anderen Mozart-Workshop für Studierende, wenn uns die Musiktheater-Professoren für eine anstehende Opern-Produktion darum ersuchen. 

 _ Ich erinnere mich an ein Projekt mit Ausschnitten aus allen Mozart-Opern an einem Abend oder auch mit allen gesammelten Mozart-Liedern. Beschreiben Sie kurz den Mehrwert solcher Veranstaltungen für die Studierenden?Solche Projekte sind begleitet von Informationen über die Stücke, die Entstehungszeit, die einzelnen Arien sowie die musikdramatische Entwicklung von den ersten Mozart-Opern „Apollo et Hyacinthus“ bzw. „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ bis zur finalen „La clemenza di Tito“. Wir analysieren und blicken hinter den Schaffensprozess, wodurch sich meines Erachtens eine ganz wichtige, mental verändernde Verhaltensweise in der Interpretation ergibt. Statt „Ich bin der Beste, ich habe meine Persönlichkeit, ich zeige euch wie es geht“ entsteht in der Regel eine gewisse Demut: „Aha, jetzt verstehe ich, so ist das Werk wahrscheinlich intendiert.“ Anders ausgedrückt: Ich gehe zwei Schritte zurück und nicht zwei Schritte vor und zeige mich. Ich lasse das Werk mit dem, was ich darüber erfahren habe, wirken. 

_ Ganz im Sinne der „historisch informierten Aufführungspraxis“. Mir kommt dabei immer das Schlagwort von der „verloren gegangenen Selbstverständlichkeit“ in den Sinn. Alles was sich nicht im Material findet, aber was für jeden damals mit dem Material Verbundenen selbstverständlich war, muss man wieder neu entdecken und an die Studierenden weitergeben. Das ist es, was mir am Herzen liegt. 

_ Mit vielen Instituts-Projekten haben Sie Mozart und das Mozarteum auch hinaus in die Welt getragen. Was waren rückblickend die Highlights? Da fällt mir auf Anhieb die menschlich und künstlerisch einzigartige Zusammenarbeit mit dem Moskauer Konservatorium 2007 für „Così fan tutte“ ein. Auch die wunderbare Titus-Kooperation mit der Scuola di Musica 2014 im italienischen Fiesole und in Florenz. Eine große und angenehme Überraschung war der Anruf aus Macau, mit dem wir 2013 vom dortigen Vizeminister für Kultur eingeladen wurden, im ältesten Opernhaus westlicher Prägung in Asien „Bastien und Bastienne“ aufzuführen. Es gab schon viele ganz besondere Momente und diese internationale Wahrnehmung hat uns sehr gefreut. _ Und was ist das spannendste nächste Projekt? Es gibt da am 8. Juni ein Veranstaltung mit dem Titel „Musikalischer Tandlermarkt“, die ich ein bisschen als meinen Abschied betrachte, da ich ja die Institutsleitung mit Beginn des Studienjahres 2018/19 abgeben werde. Da zeigen wir ein paar „Kleinigkeiten“, verschiedene Dinge der Musikliteratur, die mit Markt und Tandlermarkt zu tun haben. Mein leider 2015 verstorbener Kollege Eike Gramss hätte sie wohl Petitessen genannt und ich liebe solche Petitessen.

 
(c) Mozart Opern Institut
2007-2014