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Fachzeitschrift "Der neue Merker"
Ausgabe: März 2009
Ferdinand Rudolf Dreyer

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LE NOZZE DI FIGARO

Universität  Mozarteum ,  9.2.2009
1953 hieß die Universität Mozarteum  „Akademie f. Musik und darstellende Kunst“ , ab 1970 Hochschule, 1979 Übersiedlung  vom „Alten Mozarteum“ (Stammhaus) in den adaptierten Primogeniturpalast des Paris Lodron, wurde aber wegen baulicher Mängel 1998 geschlossen. Seit 1993 heißt sie „Universität  Mozarteum“, 2006  Eröffnung des jetzigen Gebäudes mit einem  300 (Opern) bzw. 420 (Konzert) fassenden Saal, genannt STUDIO. Die lange Tradition dieser kostenlos zugängigen Studentenaufführungen habe ich oft genossen. Dr. Geza Rech,  Regisseur im Marionettentheater, Mozartkenner und Verfasser interessanter Bücher, inszenierte alle großen Mozartopern , unter anderem 1952 Cosi fan tutte mit Michael Roider , heute Mitglied der Wiener Staatsoper, als Ferrando

Hier sollen und können sich junge Sängerinnen und Sänger – Studierende und Absolventen- bewähren, ihnen gebührt also der Vortritt und das Hauptaugenmerk: Die attraktive Contessa  (mit der faszinierenden Kim Novak- Hitchcockfrisur) Manuela Dumfart wurde vom Regisseur quasi „versetzt“, indem sie sich die längste Zeit nicht setzen durfte. Die Partie verlangt einen starken Ton mit ausgeprägtem Legato. Die große Arie wurde so zur –schönen, sehr musikalischen – konzertanten Darstellung. Immer nur stehen und gehen! Ich hätte beim Regisseur reklamiert, weil sich diese einseitige Körperspannung nachteilig auf das Singen auswirkt. Trotzdem bewältigte sie die Partie, bei  der schon große Kolleginnen  (GÜDEN!) ins Schwitzen kamen,  tadellos. Susannas (Karolína Plicková) schwarzes Dienstbotenkleid mit ebenso schwarzen Strümpfen und Schuhen benachteiligte seine Trägerin optisch drei Akte lang.  (Witwe Susanna?) Aber sie ließ mit ihrer schönen, warmen Stimme so viele Farben leuchten, die das wieder aufwogen!

Sorry, BECKMESSEREI, die aber zu Grundsätzlichem führt:  das zweimalige, aber so genial gesetzte C auf nascerá im Terzett,  2. Akt hörte ich nicht.  Der Dirigent, ein Mozartspezialist,  hat wohl Mozarts  Notierung  bei der Stimmführung der GRÄFIN hinunter zum e gewählt.  Ich hörte das C meistens von der Susanna, aufgrund eines von Mozart nicht erlaubten, aber häufig  gepflegten effektvollen  Stimmtausches. Natürlich verliert die Gräfin dabei an „Führungsqualität“, weil sie sie eher Probleme ( Abphrasieren) mit diesem Ton hat  als Susanna! Wer aber von uns dilettantischen Zuhörern  merkt schon, wer den Ton singt? An diesem Beispiel sieht man wieder ein altes Problem:  Authentizität gegen (nicht billigen) Effekt, in diesem Fall  Verlust eines hohen „Schlüssel“- (?) Tones!  („Dalla sua Pace“ möchte ich nicht vermissen, so authentisch diese Ohne- Fassung des Don Giovanni auch sein mag).  Zurück zu Susanna:  Diese  längste Mozartpartie war ihr nicht zu lang, sie steigerte sich sogar im Laufe des Abends. Der krönende Abschluss war die Rosenarie, die einen spontanen Bravoruf provozierte. Erst im Garten  bekam sie ein attraktives Kleid. Alle anderen Darsteller waren ansprechend kostümiert. Wer dafür verantwortlich war, verschweigt das Programm!  Ein interessantes, gewagtes  Experiment: Cherubin, von einem Countertenor  (Anur Abaci) hervorragend gesungen. Aus dem Pubertierenden voller Freud und Leid wurde ein Kasperl, den man auf der Bühne herumtollen ließ und herumstieß  wie einen  Fußball. Dabei noch so konzentriert zu singen, das verdient Respekt! Er hat sich wirklich verausgabt! Das Publikum tobte! Aber, aber: Mozarts Cherubin verlor jeglichen Charme, berührte nie mein  Herz und nahm dem ganzen Stück ein großes Stück vom großen Glück. Gewiss originell und interessant, aber möge es ein Experiment bleiben! ( Im Programmheft wurde ein falscher Name angegeben- eine Ansage hätte das korrigieren sollen!) Ji-Hwan Moons Conte profiliert sich sehr zurückhaltend, stimmlich und darstellerisch. Ein  (meistens)  vornehmer Graf, manchmal ein wenig blass. Ein SOFTY, der dem Typ des Sängers entgegenkommt. Aber, lieber Herr Regisseur: Dass dieser  Conte die Contessa auf den Boden werfen muss, passt weder zu seiner  (Ihrer) Rollenauffassung noch zu Mozart!  Im ganzen Spielverlauf  ist kein Hinweis auf den sehr wohl von Mozart komponierten Jähzorn zu bemerken.  Andrè Schuen ist der jüngste Figaro meines Lebens. Man nimmt ihm alles ab, von der Intrige bis zur uneingeschränkten Hingabe an seine Susanna. Die Rolle verlangt Humor, kombiniert mit Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit. Über beides verfügt der jugendliche Sänger, wobei er sich auf sein gutes Italienisch, seine gute Gesangstechnik, seine ausgeglichene schöne Stimme und sein Spieltemperament verlassen kann. Sein gutes Aussehen nützt ihm, aber er nützt das nicht aus. Dank an Helga Jungwirth für die Vermittlung der  kompetenten italienischen Aussprache. Marcellina (Stepanka Pucalkova) bietet satten Ton und glaubhafte Aktion. David Steffens’ Bartolo reüssiert mit der Rachearie  („La vendetta“ in der 3. Szene des 1. Aktes). Ein „Zuckerl“ des Abends war die Erkennungsszene („Sua madre, suo padre). Das verdankt man vor allem dem Dirigenten Josef Wallnig , dessen Umsicht und Führungsqualitäten ihn während des gesamten Abends  als einen subtilen Dirigenten  und Musikpädagogen der besonderen Art ausweisen. Die kleine, aber anspruchsvolle Partie des Basilio lag in den guten Stimmbändern von Mashashi Tsuji. Sei es solistisch, sei es im Ensemble, diese markante Stimme fällt angenehm auf . Wie wohltuend, dass er die üblichen Übertreibungen des Musikmeisters nicht mitmacht. Barbarinas kurze, intensive  Arietta von nur 36 Takten in f-moll verleiht dem flatterhaften Geschöpf  plötzlich Tiefe und ist bei Sophie Mitterhuber in bester Kehle. Wie schon öfters bedauerte ich, dass nicht eine zweite Nadel zu besingen ist. ( Dass Barbarina die Nadel im Garten sucht und nicht im Schloss, wo sie verloren ging, erheitert mich immer wieder.) Antonio (Maxim Matiuschenkov) war ein besoffener, komödiantischer Gärtner, wie meistens üblich, aber mit markanten Tönen, wie nicht immer üblich. Ein Sängerensemble also mit der nötigen Differenzierung (Susanna und Gräfin sind anderswo oft zu ähnlich im Timbre). Es gelang dem  zwischen Zeitlosigkeit und Gegenwart inszenierenden Regisseur Hermann Keckeis, dem umsichtigen, in Betroffenheitspausen besonders hilfreichen, oben schon erwähnten Dirigenten Josef Wallnig, den Bühnengestaltern Marouan Dib , Martin Pospichal mit  Zacharias Thiel (originelle, auch lustige Videoanimationen!) und der Chorleiterin  Paloma Britos  mit dem kleinen, feinen Chor (unerwähnt im Programmheft!)  nicht nur den tollen Tag, sondern auch das Seelendrama lebendig werden zu lassen. Das Orchester des St. Petersburger Rimsky-Korsakow-Konservatoriums mit dreiunddreißig  Vollblut-Musikern hatte stets guten Kontakt zur Bühne und wusste sensibel und akkurat zu begleiten. (Höhepunkt: Rosenarie) Joachim  Schlote von der Konzertdirektion Schlote betreute diese Produktion bedankenswerter Weise auf einer Tournee durch neun  Städte in Deutschland und Österreich.  Er sagt, es sei ihm ein großes Anliegen, jungen Künstlern Auftrittsmöglichkeiten zu geben. Die jungen Leute können viel für ihren Beruf lernen. Da heißt es, Farbe und Stimme bekennen. Mein Gespräch mit den Künstlern bestätigte Herrn Schlotes Meinung insgesamt, manchmal aber fühlten sie sich doch überfordert , vor allem wegen der (zu) langen Reisewege. Hoffentlich  schadete das den Stimmen nicht. Ich hatte bei einigen Sängern das deutliche Gefühl der Übermüdung.                                             
 Ferdinand Rudolf Dreyer





 
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