Drehpunkt Kultur 09/01/08
"Rezitativ ist eine feine Malerei"
Die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager gab drei Tage lang unter
dem Motto "Wort-Ton-Geste-Aktion" einen Kurs an der Universität
Mozarteum. Es ging speziell um die Rezitativgestaltung in Mozarts Opern.
Von Nathalie Vinzent "Sie müssen Spaß an der Ensemblearbeit zeigen, zeigen
Sie Farben, sprechen Sie deutlich, spüren Sie die Tempoänderung
im Rezitativ, … ich mache nur Vorschläge, Sie können
machen wie Sie es wollen, aber Sie müssen etwas machen, …
ich muss jedes Wort verstehen können, haben Sie Mut!" Angelika
Kirschlager steht den Schützlingen tatkräftig zur Seite.
Drei Tage lang, von 7. bis 9. Jänner, haben Angelika Kirchschlager
und weitere Lehrer angehenden Opernsängern wertvolles Wissen um das
Rezitativ vermittelt, am Beispiel des 2. und 3. Akts aus Mozarts "Figaro".
Es war eine Initiative des "Mozart-Opern Instituts" an der Universität
Mozarteum.
Angelika Kirchschläger im Gespräch mit DrehPunktKultur: "Die
Arbeit an Rezitativen wird allgemein oft vernachlässigt, zumindest
in meiner Studienzeit war dies der Fall." Sich auf die Rezitative
in Mozarts Opern einzulassen, sei "ein wirkliches Abenteuer".
Angelika Kirchschlager plaudert aus der (eigenen) Schule: "Was es
heißt an einem Rezitativ zu arbeiten, habe ich in der Zusammenarbeit
mit meinem 'Rezitativmeister', dem Dirigenten Riccardo Muti gelernt,
es war sozusagen meine erste 'Rezitativschule'. Ja, man muss von der italienischen
Sprache ausgehen, damit meine ich den Text verständlich machen, die
Rezitative in ihrer Sprachmelodie bewusst aussprechen, den Text verstehen,
das nötige Situationsverständnis für die Person mitbringen.
Dann erst kann die musikalische Interpretation, die sehr viele Farben
verlangt, beginnen."
Das fordere viel Arbeit und Konzentration von den Studierenden. "Rezitativgestaltung
ist eine feine Malerei, der Pinsel muss feinste Nuancen zeichnen können
- d.h. der Sänger muss sich selbst einbringen mit seiner Persönlichkeit,
der kleinste Satz hat unzählige Schattierungen. Zwei Seiten Rezitativ
kann oft eine Stunde intensive Arbeit bedeuten."
Zu Beginn des Kurses am Montag (7.1.) hatte Wolfgang Niessner (Abteilung
Alte Musik) über die kompositorische Funktion der Tonarten und Akkorde
in Mozarts Rezitativen referiert: Grundlegend sei der Text, die Gesprächssituation.
"Mozart wählt bewusst die Tonarten, die wiederum grundlegende
Affekte in der Musik bewirken - Speziell der Klang der Vokale wird von
Mozart sehr gezielt eingesetzt." Zum Beispiel stehe der Vokal a für
Emotion (amore = Liebe), und der Vokal o steht für Schmerz (dolore).
Josef Wallnig, Leiter des Mozart Opern Instituts eröffnete die zweite
Runde des Workshops am Dienstag (8.1.): "Heute ist ein Ausprobiertag
- was alles in den Rezitativen musikalisch geschehen kann, werden Sie
erleben." Wolfgang Brunner erklärte kurz die Tonartencharakteristik,
den Unterschied in den Klangfarben des Cembalos in F-, Fis- oder As-Dur.
Der Cellist Howard Penny zeigte einige Beispiele über das Experimentieren
mit punktuellen Wortaffekten auf seinem Instrument. Das Cello, so erklärte
er, schaffe "Raum für den nächsten Gedanken der betreffenden
Person." Gemeinsam mit dem Sängerensemble entstanden reizvolle
Interpretationen, die sich hören lassen können. Josef Wallnig
agierte immer wieder als wohlwollender Koordinator und Moderator. Sein
großes Anliegen, so betont er, sei es weiterhin, die Kompetenzen
der unterschiedlichen Lehrkräfte und Abteilungen in Sachen "historische
Aufführungspraxis" zusammen zu führen. Wallnig wird übrigens
im April in Litauen ein Ehrendoktorat verliehen. |