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Josef Wallnig

Viva! MOZART — ein Fest, Festkultur in Salzburg

 ... ich wollte wünschen ich wäre bey ihnen, damit ich mit ihnen recht herumspringen könnte.

Wolfgang Mozart an Maria Anna Thekla 28. Februar 1778
 
Events und Feste

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Eröffnung des Hanagar 7 auf dem
Salzburger Flughafen, 22. August 2003.

 

22 August 2003: Für die Eröffnung des Hangar 7 am Salzburg Airporthatteder Performance- Künstler Hubert Lepka ein Flugtheater mit Menschen und Göttern« erdacht und entwickelt: Lichtkegel durchschneiden die Nacht, Flugzeuge bedrohen, verwirren, begeistern - das Zusammenspiel von Himmel und Erde, zwischen Mensch und Maschine wird zum Spektakel, dem sich niemand entziehen kann, Grandios, einmalig ein Event der Sonderklasse...

Allerheiligen/Allerseelen im Petersfriedhof: Fest der Toten, Fest der Lebenden für die Toten, im Kreislauf des Kirchenjahres durch Jahrhunderte, ja durch ein Jahrtausend unverändert in Tiefe und Sinngehalt Aus der Kirche von St. Peter ziehen sie aus, die Benediktinermönche der Abtei, zu den Gräbern der verstorbenen Brüder gehen nie, die Gebete sind so alt wie die Geschichte des Benediktinerordens selbst, die Kerzen an den Gräbern begleiten die Prozession, Ernst und Würde, das Gefühl des ewigen Kreislaufs von Sterben und Geboren werden, an den Gräbern jener vorbei, deren Namen heute noch mit der Geschichte Salzburgs durch die Jahrhunderte verbunden sind die Gruft der Familie Hagenauer, Mozarts Hausherren, die Grabstätte von Anna Maria Freiin von Sonnenburg, geborene Mozart, bekannt als „Nannerl“, das Grab des beliebten Hofsängers Giuseppe Tomaselli und des großen Mozart-Kenners, Mozarteums- und Festspielpräsidenten Bernhard Paumgartner, die Gruft von Hitlers Lieblingsbildhauer Josef Thorak und in allernächster Nähe die letzte Ruhestätte Santino Solaris, des Barockbaumeisters und Architekten des Salzburger Domes ...

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Grabstein Giuseppe Tomasellis
auf dem Friedhof von St. Peter.

Der Erzabt besprengt sie alle mit Weihwasser, die Gräber und Grüfte Die Kerzen verbrennen die Gegenwart zur Vergangenheit Georg Trakls Gedicht „Der Peters-Friedhof“ ist in der Dunkelheit nur mehr schemenhaft auf der Marmortafel beim Aufgang zum Mönchsberg zu erkennen, dunkle Worte klingen wie Glocken.
Ebenfalls ein Fest, an dem der Himmel offen steht, ein Fest im christlichen Sinne, dem sich niemand entziehen kann, der es erleben darf - ein Fest in Salzburg, in dieser Vertiefung ebenso wie manch anderen Event nur in Salzburg zu erleben. 

Festliches rund um die Residenz
Das historische Zentrum der Stadt: die Residenz. Unter dem Residenzbrunnen, unterhalb des nach unten gewölbten Terrains des Platzes, liegen Reste jenes Friedhofs, den Wolf Dietrich auf Grund seiner städtebaulichen expansiven Pläne aufheben ließ: darunter aber - und nun führe ich Sie zu Salzburger Festen vor 2000 Jahren -, in viel tieferen Schichten darunter liegen möglicherweise Teile des ehemaligen römischen Forums begraben, auf dem einst festlich die Flamme für Jupiter optimus maximus brannte. Und heute? Beim Fackeltanz zum Fest der Festspieleröffnung zeichnen Fackeln Lichterspuren in die Dunkelheu, althergebrachte Figuren des Sich-Umschlingens und Sich-Lösens - und am Ende erlöschen die Fackeln im Wasser des Residenzbrunnens — ein Fest, das mehr als nur volkstümliche Tradition mit dem feierlichen Auftakt der Festspiele verbindet Und gestern, oder war es vorgestern? War da nicht ein anderes „Fest“, die Perversion eines Festes, an derselben Stelle, ein »Fest« des Feuers und der Zerstörung? Die Fackeln der Salzburger Bücherverbrennung am 30. April 1938 auf dem Residenzplatz werden in der Erinnerung nicht zu löschen sein.

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Vor unserem geistigen Auge ein anderes Fest, wahrscheinlich das Fest aller Feste, das größte, das Salzburg wohl je gesehen hat Im Jahre 1628 waren in die damals 9000 Einwohner zählende Stadt Salzburg zur Domweihe 930 hohe Gäste samt Gefolge und 707 Pferden gekommen. Mit einem gewaltigen finanziellen Aufwand (und das mitten in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges!) versorgte man auch das Volk vom Lande: Weinbrunnen, Geldwerfen, Glückshafen, Essen und Trinken, Tag und Nacht - eine ganze Woche hindurch.

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Residenzplatz, kolorierte Radierung von Johann Michael Frey, Ende 18. Jahrhundert. 

Stellen wir uns die vorbeiziehende Reliquienprozession vor: Bei herrlichstem Wetter schreiten etwa 2050 Prozessionsteilnehmer in dreizehn Reihen einher. Fünf große Triumphbögen repräsentieren weltliche wie kirchliche Institutionen, die Prozessionsstraße säumen fünfeinhalb Meter hohe Stangen, mit Bögen verbunden, mit Reisig geschmückt und mit roten Papierstreifen und Rauschgold verziert. Und zuletzt das Feuerwerk auf der Salzach! Um ein Kastell, das von 160 Musketieren besetzt ist, entbrennt eine theatralische Schlacht. Galeeren kämpfen gegeneinander mit Raketen, Feuerrädern, Flammen, in den Himmel steigenden Feuergarben. Und auch die Stadt ist illuminiert: Auf Hohensalzburg leuchtet ein riesiger heiliger Rupert, der Imberg und die Häuser sind mit Laternen bunt geschmückt, manchmal in Form von Kruzifixen und als Heiligenfiguren ausgeführt. Wahrscheinlich hat man noch lang davon gesprochen … Hat man sich dessen in Salzburg 150 Jahre danach noch erinnert, hat Mozart je davon gehört? — sicher jedoch Hubert Lepka, dessen Ikarus, Feste und Feuerwerke vielleicht mit anderen Mitteln an diese versunkene „Großartigkeit“ anknüpften.

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Der Markplatz zu Salzburg (= Alter Markt), kolorierte Radierung von Carl Schneeweiß, um 1800. 

Stellen wir uns noch ein anderes Szenario vor: Der Residenzbrunnen steht, wie erwähnt, in einer Vertiefung. Ursprünglich war geplant, den Platz rund um den Brunnen ähnlich wie die Piazza Navona in Rom zu fluten, um hier Schifferspiele mit Booten durchführen zu können — ein Wunschtraum, der sich unter anderem auch wegen der mangelnden Wasserversorgung im 17. Jahrhundert nicht durchführen ließ — schade…
Der kleine, Wasser speiende Triton an der Spitze des Brunnens betrachtet unbeirrt das Treiben  - teils festlich, teils sehr unfestlich -, das sich ihm von oben das Jahr über bietet. Im September, wenn ich am „Ruperti-Kirtaga“, dem wiederbelebten Marktfest zu Ehren des Landespatrons Rupertus, ein kleines Riesenrad besteige und zu ihm hochfahre, bin ich Aug in Aug mit ihm. Das Riesenrad verdient die Bezeichnung "riesig" zwar nicht, bringt die Gäste jedoch in die Höhe der obersten Wasserschale des Brunnens und der oberen Stockwerke der Bürgerhäuser rundum. Man schwingt hinauf aus den Niederungen von Bratwust- und Sauerkrautdüften, um im nächsten Moment genüsslich wieder in diese unvergleichliche Atmosphäre eines Stadt-, Dorf-, Kirchweih- und Marktfestes einzutauchen. Habe ich dem Triton in die Augen und auf Salzburg hinab gesehen, ist meine Festesfreude komplett ._ Eine mechanische Orgel spielt zum Kirtag auf; sie hat mich schon als Kind fasziniert, vor allem der perückengeschmückte kleine Mann, der natürlich – wie könnte es auch anders sein – den lieben kleinen Maestro Wolferl darstellen sollte.


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Mozart- Denkmal, kolorierter Stahlstich nach
Samuel Amsler,gezeichnet und gestochen 
von Albert Henry Payne, London um 1842. 

Am Mozartplatz

Nicht dem Wolferl, sondern dem großen Wolfgang Amadeus ist auf dem angrenzenden Platz, dem Mozartplatz, ein dementsprechend ehrwürdig-pathetisches Denkmal gesetzt, ganz im Stil des 19. Jahrhunderts: Ein Fest für Mozart, anlässlich seines fünfzigsten Todestages, an dem die Söhne Franz Xaver und Thomas anwesend waren, während die Witwe Constanze diese Ehrung nicht mehr erlebte – Funde römischer Mosaike bei den Fundamentierungsarbeiten für das Standbild hatte dessen Aufstellung im Gedenkjahr 1841 verhindert und als das große Fest nun 1842 stattfand, war Constanze kurz zuvor verstorben. Sie wohnte in ihren letzten Lebensjahren am unteren Ende des Platzes, heute Mozartplatz 9. Ein Fest mit Konsequenzen, folgte doch in jener Zeit die Gründung des Dommusikvereins, aus dem später die Internationale Stiftung Mozarteum wie auch die heutige Universität Mozarteum hervorgingen. Und aus den Mozart-Festen am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich jenes Fest, bei dem Mozart von Anfang an im Mittelpunkt stand und auch weiterhin stehen soll und wird: die Salzburger Festspiele.


Am Alten Markt

Andere Feste feierte man am Alten Markt, einen Steinwurf von der Residenz entfernt, die bürgerlichen Feste der Handwerker und der Bergarbeiter den Barfußtanz der Bäcker oder den Schwerttanz der Dürrnberger Knappen. Man verlas die unzensurierten Faschingsbriefe und zündete zur Sonnenwende Johannisfeuer an Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der Alte Markt auch der Ort des Metzgersprungs, bei dem in Form einer „Taufe" die „Unnatur" der angehenden Metzgergesellen abgewaschen und mit einem letzten Trunk am Aschermittwoch weggespült wurde. Beim „Abwaschen der Fastnacht“ ging es hoch her: Nüsse wurden den Zuschauern zugeworfen, und wer beim Aufheben dem Brunnen zu nahe kam, konnte schon auch seine eigene „Taufe“ erleben ...
Der Brunnen inmitten des Platzes: Zentrum eines Marktes, Wasserversorgung - aber auch bürgerliches Selbstbewusstsein und Stolz symbolisierend, ein Wahrzeichen bürgerlicher Existenz. Der Heilige Florian des barocken Bildhauers Josef Anton Pfaffinger steht jedoch auch für die Begrenzung des bürgerlichen Selbstbewusstseins: Die Statue grüßt zu den Erzbischöfen in der Alten Residenz hinüber, die so manche bürgerliche Festivität von ihren Fenstern aus verfolgt haben mögen. Nie hat er zum Rathaus, immer zur Residenz geschaut, es wäre ja wohl auch gehörig unziemlich für einen Heiligen gewesen, den Erzbischöfen die Hinterseite zu zeigen ...!

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Das Fürsten- und Erzbistum Salzburg, Landkarte von J. G. Schreibern, um 1800. 

Anfang Jänner schaut er den Glöcklern zu, die eigentlich in St. Gilgen, Strobl, Weißenbach und Zinkenbach zu Hause sind, die aber seit 1929 in ihren weißen Kleidern und einem Kopfschmuck aus durchleuchtetem Papier ein „gesegnetes Neues Jahr“ wünschen. Ähnlich dem Fackeltanz ist es auch hier ein Bewegungsritual althergebrachter Figuren, Formen und Schreitschritten. Nach einer Reverenz vor dem Café Tomaselli werden sie von der Chefin des Hauses persönlich mit Glühwein und Glöcklerkrapfen gestärkt — eine neue, und doch uralte Form der Verbindung von Brauchtumsfest mit denen, die in der Stadt diese Traditionen hoch halten und pflegen. So haben manche Bräuche, die ihren Ursprung in den ländlichen Regionen Salzburgs haben, auch in der Stadt Einzug gehalten, in der Erkenntnis, dass städtische haben, auch die »Erdung« in den althergebrachten Festen des Brauchtums haben sollte.
Nicht immer jedoch waren die Ereignisse am Alten Markt so heiter. Keineswegs ein Fest mag es gewesen sein, als Erzbischof Matthäus Lang gerade hier die Salzburger Bürger und Bauern nach einem Aufstand gegen ihn im frühen 16. Jahrhundert demütige. Als Zeichen der Unterwerfung musste der Bauernführer Michael Gruber auf diesem Platz dem Landesherrn öffentlich Abbitte leisten.
Die Geschichte Salzburgs ist geprägt den wechselnden Machtverhältnissen zwischen Erzbischöfen und Bürgerschaft, die meist zu Ungunsten der Untertanen ausgingen, Die politische Situation Salzburgs war privilegiert. Seit dem Jahre 798 war Salzburg zum Sitz eines mächtigen Metropoliten, eines Erzbischofs geworden, der ab dem 11. Jahrhundert als „legatus natus" den Purpur wie die Kardinäle tragen durfte. Die Kirchenprovinz hatte vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit eine erstaunliche Ausdehnung und umfasste neben dem Erzbistum Salzburg die Suffraganbistümer Regensburg, Passau, Freising und Brixen. Salzburg war zur Zeit Mozarts das größte geistliche Fürstentum des Römischen Reiches deutscher Nation: Von den 200.000 Einwohnern lebten damals etwa 50.000 in Städten (Salzburg, Hallein, Radstadt, Tittmoning, Laufen und Mühldorf).
Die wichtigste Einnahmequelle, auf der jahrhundertelang der Reichtum des Landes basierte, war die Salzgewinnung am Dürrnberg

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Der Universitätshof, Federzeichnung in Sepia von Odilo
Guetrat, um 1710. 

Die hier lebenden Mozarts waren keine Österreicher, sondern Salzburger. Österreich und Bayern waren Nachbarn des staatlich selbständigen Erzstifts, benachbartes Ausland also. Die Säkularisierung des kleinen geistlichen Staates, den mehrfachen Wechsel in der politischen Zugehörigkeit des Landes zu Beginn des 19. Jahrhunderts und letztendlich die bleibende Verbindung mit Osterreich am 1. Mai 1816 haben weder Vater noch Sohn Mozart erlebt. Aber die Auswirkungen der fürsterzbischöflichen Omnipräsenz hatten sie sehr wohl erfahren. Im Gegensatz zu Wien konnte sich in Salzburg ein mächtiger Hochadel nicht oder nur sehr reduziert entwickeln. Ebenso wenig gab es ein starkes und unabhängiges Bürgertum wie in den deutschen Hansestädten oder beispielsweise in Frankfurt. Alles und jedes war in erster Linie auf den Hof des Erzbischofs hin ausgerichtet. An der Mentalität des Hofschranzentums mögen sich wohl zwei-, dreihundert Jahre danach Thomas Bernhards Tiraden gegen Salzburg entzündet haben.

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Das Innere der Salzburger Domkirche anlässlich der Feiern zum
1100-Jahr-Jubiläum 1682, Kupferstich und Radierung von
Melchior Küsell. 

Die persönliche Geschichte von Wolfgang Amadeus Mozart spiegelt diesen Konflikt wider: Von Erzbischof Sigismund von Schrattenbach über alle Maßen großzügig und großmütig bei den Auslandsreisen quer durch Europa unterstützt, änderte sich diese Haltung bei seinem Nachfolger Hieronymus Graf Colloredo grundlegend, der sehr wohl auf Anwesenheit und Gehorsamspflicht seines Hofbediensteten Mozart pochte - bis das Abhängigkeitsverhältnis durch jene allgemein bekannte Quittierung des Hofdienstes in Wien beendet wurde: Der Fußtritt des Grafen Arco zog einen Schlussstrich. Mozart kehrte einer Stadt sowie einem System den Rücken, in dem er die Voraussetzungen für seine künstlerische Tätigkeit nicht weiter finden konnte: begrenzte Möglichkeiten für musikalische Produktionen, vor allem kein entsprechendes Opernhaus, das ihm Rahmen und Ansporn für sein musikdramatisches Genie geboten hätte. Salzburg konnte ihm auch nicht die erhofften „Scritturen", die Aufträge zum Komponieren von Opern, geben ... Nun war Wolfgang frei, befreit (?) ... und konnte in Wen und anderswo Feste feiern.

Mozart liefert Musik für Feste

Stellen wir uns die Frage, wie Mozart selbst Feste gefeiert hat und für welche Feste er Musikalisches beisteuerte, oder auch beizusteuern hatte, so verlangte zunächst der Verlauf des Kirchenjahres, verlangten die Hochfeste besondere musikalische Anstrengungen, Messkompositionen. Der Jahreskreis der kirchlichen Feste, die das Leben zur Zeit Mozarts noch wesentlich stärker prägten, als es heute der Fall ist, verlangte immer Neues, auf den Anlass hin Komponiertes Für Mozart bedeutete das, einerseits für die Kirche, andererseits für "Kammer und Theater" kompositorische Aufträge zu erfüllen. Messen waren es hier, Instrumentalkonzerte, Symphonien, Kammermusik dort. Opern waren auf Grund der begrenzten Aufführungsmöglichkeiten und des Fehlens eines funktionstüchtigen Opernhauses, wie es sie in München oder Wien gab, nur Ausnahmeerscheinungen.
 

Feste um den Erzbischof

Auch die Namenstage und der Tag der "Consecratio", der Amtseinführung des neu gewählten Erzbischofs, wurden feierlich zelebriert, auch mit Theateraufführungen, denen eine so genannte "Licenza" nachgestellt wurde, eine Hymne auf die Tugenden des jeweiligen Herrschers. Mozart hat sich in diesem Metier der fürstlichen Lobpreisung schon früh geübt. So verfasste er etwa zum Jahrestag der Amtseinführung von Erzbischof Schrattenbach, dem 21. Dezember 1766, eine tenorale Licenza KV 36. An dessen Namenstag kam 1769 auch die für Wien komponierte, aber wegen Intrigen dort nicht gespielte Oper „La finta semplice" KV 51 zur Aufführung.

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"Vorstellung eines Masquirten Ball", kolorierter Stich von Georg Balthasar Probst, 18. Jahrhundert. 
Feste an der Benediktiner-Universität
Die Feste an der Salzburger Universität standen zwar im Zusammenhang mit den Erzbischöfen, hatten aber ihre eigenen Zielsetzungen. Das benediktinische Schuldrama zeigt das deutlich. Es hatte hier zur Zeit Mozarts eine bereits über hundertjährige Tradition. Für die Aufführung lateinischer Sprechstücke anlässlich der Zeugnisverteilung und bei wichtigen universitären oder kirchlichen Anlässen verfassten Professoren der Universität Dramen, bei denen die jungen Scholaren ihr Können in Latein wie auch als Schauspieler unter Beweis stellen durften - oder besser: mussten. Zwischen den Teilen des Sprechstücks wurden auch kleine Opern eingestreut, aktweise in das lateinische Drama eingefügt, wobei die Handlungen dieser Intermedien jene der Dramen aus anderen Perspektiven beleuchteten.
Zur Aufführung gelangten diese musikdurchsetzten Dramen in der Großen Aula der Salzburger Universität, manchmal aber auch in der Kleinen Aula, der Bibliothek Üblicherweise war der Erzbischof bei diesen sehr langen Schulfesten zugegen, kam er nicht, so war das Stadtgespräch. Erzbischof Sigismund ordnete an, dass es zukünftig je zwei Aufführungen zu geben habe, für Männer und Frauen getrennt Und es konnte schon vorkommen, dass er sich "vertreten" ließ, indem ein leerer Stuhl mit dem Bild des Erzbischofs unter einem Baldachin die abwesende Eminenz repräsentierte.


Apollo et Hyacinthus

Für die Aufführung am 13. Mai 1767 mit dem Titel „Clementia Croesi" schuf der Seeoner Benediktinerpater und Professor Rufinus Widl den Text und das Libretto zu „Apollo et Hyacinthus" KV 38. Für den gerade elfjährigen Mozart war es die erste Bewährungsprobe als Komponist für die Bühne. Wir wissen, dass die Aufführung sehr erfolgreich war Mozarts Musik gefiel allgemein („omnibus placuit"), und auch das Drama gereichte „zur höchsten Freude“ („summo solacio“ ) und erntete größten Applaus („applausum plurimum“). Nach der Aufführung "produzierte" sich der junge Komponist laut Universitätsprotokoll zur Begeisterung aller bis in die Nacht hinein auf dem Klavier. Auch in anderer musikalischer Weise gedachte Mozart der Universitätsprofessoren: Zu Namenstagsfesten zog man mit „Cassationen" durch die Stadt zum Haus des zu Ehrenden, um ihm ein Ständchen darzubringen. Diese Cassationen im Charakter von Serenaden leiten ihren Namen möglicherweise von „gassatim gehen" ab, von „auf die Gass'n gehen“. Märsche durften dabei natürlich nicht fehlen! Mit einem Violoncello zwischen den Beinen war eine solche „Wandermusik“ nicht aufzuführen, also bediente man sich eines umgehängten „Bassls“ als Unterstützung der Violinen und Bläser. Als mir vor Jahren anlässlich eines runden Geburtstags ein Leierkastenspieler vor meinem Haus ein Ständchen leierte, schien es mir wie eine ironische Reminiszenz an die Cassationen von dereinst.


Tanzen

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Die erfolgreiche Aufführung von „Apollo et Hyacinthus“ war nicht das erste Auftreten Wolfgangs in der Aula gewesen. Eine frühere Begegnung mit der Bühne hatte der damals fünfjährige Knabe bei der Aufführung eines Schuldramas von Johann Ernst Eberlins „Sigismundus Hungariae Rex“. „Des Vizekapellmeister Mozarts Sohn“ findet man bei dieser Feierlichkeit anlässlich des erzbischöflichen Namenstags der Mitwirkendenliste unter den „salii", den Tänzern.
Vielleicht geht Mozarts Freude am Tanzen auf diese frühen Erfahrungen zurück Wo immer sich eine Möglichkeit bot, war er bei Redouten, Bällen d Hausfesten dabei und tanzte bis in den frühen Morgen hinein. Mozart, der Weitgereiste, war ein geradezu leidenschaftlicher Tänzer und dürfte in seinem _eben an die 200 Tanzveranstaltungen besucht haben. Daher wird er sich wohl auch ein Bild von der Qualität jener besuchten Bälle in Salzburg im Vergleich zum Karneval in Venedig, Mailand, München, später natürlich in Wien und Prag gemacht haben.
„,Walzerische Tänze“ waren in Salzburg damals verboten, galten sie doch als unzüchtig, da man sie paarweise und geschlossen tanzte! Diese Vorschrift  wurde allerdings, wie manch anderes Verbot, nicht beachtet. So war den „Weibspersonen“ in den Tanzordnungen auch untersagt worden, kurze Röcke zu tragen. Schon 1671 nahm man Anstoß daran, dass sich die Kleider beim Drehen der Tänzerinnen so hoch heben könnten, dass „derselben bloßen Leib nicht ohne große Ärgernis ersehen werden mag“.Im Fasching 1 776 gab es im neu adaptierten Rathaussaal zwölf Maskenbälle. Bei Redouten wurde auch gespielt und getafelt, ein kostspieliges Vergnügen! Zwölf Spieltische standen im Rathaus bereit, beim Pharao, einem berüchtigten Hasardspiel, konnte man gigantische Summen verlieren! Dreihundert bis vierhundert Masken waren bei diesen vielschichtigen Unterhaltungen, an denen auch Erzbischof Schrattenbach gerne teilnahm, bis in die frühen Morgenstunden hinein zugegen. Dreiviertel fünf Uhr früh konnte es da schon werden! Erzbischof Colloredo hatte für derartige Vergnügungen weniger über als sein Vorgänger und verringerte diese mit „gnädigster Genehmigung“ abgehaltenen Tanzveranstaltungen auf acht Termine pro Saison.
Neben den Redouten gab es Bälle bei Hof, aber auch Privat- und Freibälle in Gast und Kaffeehäusern, wie demjenigen von Anton Staiger, Auch winterliche Schlittenfahrten endeten oft mit einer Tanzveranstaltung. Feuerwerke und Illuminationen steigerten den Festgenuss und erweckten gezielt nachhaltiges Staunen. Bei vielen Festen war Mozart beides: einerseits aktiver Teil eines gesellschaftlichen Ereignisses, andererseits aber auch selbst in die Vorbereitung, den Ablauf und das Gelingen der Veranstaltung einbezogen, indem er Ballmusik, Menuette, Deutsche Tänze und Kontretänze beisteuerte. Für den privaten Gebrauch komponierte er sogar Pantomimen (allerdings leider nicht für Salzburg).

Mozart war sein Leben lang ein gefragter und geschickter Tanzmusik-Komponist, ähnlich wie später Johann Strauß, eine Facette, die wir an ihm eigentlich gar nicht so recht wahrnehmen.

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Abt Dominicus (Kajetan Rupert)
Hagenauer, Öl auf Leinwand
von Johann Nepomuk della
Croce, 1793. 

Der Walzer steckte zwar noch in den „ländlerischen“ Kinderschuhen, die»Anleitung zum Componiren von Walzern, so viele man will, vermittelst zweier Würfel ohne etwas von der Musik oder der Composition zu verstehen, von W. A. MOZART: Simrock, Berlin« aus den 1790er Jahren weist allerdings schon in die neue Richtung Ein erstaunliches Spiel, dieses „musikalische Würfelspiel“: Die Menuett-Form mit ihren sechzehn Takten wird in immer neuen Variationen aus 176 Einzelteilen, einzelnen Takten (modern wurde man sagen: Modulen) zusammengesetzt, kaleidoskopartig zu immer neuen Kombinationen gemischt. Ist auch die Urheberschaft Mozarts für dieses Spiel nicht nachgewiesen, haben sich Komponisten wie Johann Philipp Kirnberger oder Joseph Haydn sehr wohl dieses aleatorischen Typus des „Komponierens ohne Kenntnis in der Kompositionswissenschaft zu haben“ bedient. Ein Spaß mag es allemal gewesen sein, dieses spielerische Komponieren im häuslichen Kreis.


Musik und Theater im häuslichen Kreis

Eine andere salzburgische Kuriosität mag diesen Hausfesten manchmal eine besondere spielerische Note gegeben haben: die so genannten „Perteizkammer Symphonien“, Hausmusik mit  Kinderinstrumenten aus dem benachbarten Berchtesgaden (das zu „Pertelzkammer" verballhornt wurde), mit Kuckuckspfeifen, Trommeln, Ratschen, tönernem Vogelgezwitscher. Mozart schrieb 1770 an Nannerl, wie gerne er doch bei solchen    Musikabenden dabei gewesen wäre, um selbst „etwa ein trommpetterl oder pfeifferl dazu zu blasen.“ (1)

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Johann Baptist Hagenauer,
Ölbild von Rosa Hagenauer-
Baducci, un 1765.

Anlass zum Feiern gab es genug! Nach dem die Wunderkinder auf ihrer Europareise von Hof zu Hof, von Palais zu herumgereicht worden waren und allerorts hochadeliges Staunen ausgelöst: hatten, wollte Hausherr Lorenz Hagenauer in einer „Akademie“ auch der Salzburger Bürgerschaft Wolfgang  und Nannerl Mozart vorstellen, damit man auch hier ermessen konnte, wie Kinder anderswo brilliert hatten - ein Fest für die Schau- und Hörlust der Salzburger anno 1769.
Zu  einem anderen Fest der Hagenauers trug Mozart eine Messe bei: Zur Primiz von Pater Dominicus Hagenauer er in der Stiftskirche von St. Peter die „Dominicus-Messe“ KV 66 des noch nicht ganz Vierzehnjährigen für seinen Jugendfreund.
Die Grenze zwischen „Einladung", „Unterhaltung“ und „vergnüglichem Beisammensein unter Freunden“ ist nicht immer leicht zu ziehen, Im Hause der Familie Halfter am Alten Markt veranstaltete beispielsweise der spätere Bürgermeister Ignaz von Heffter Theateraufführungen, bei denen die Freunde wie auch die Angestellten des Handelsgeschäfts als Schauspieler dilettierten. Auch Anton, der jugendliche Heffter-Sohn, der nach den politischen Wirren des frühen 19. Jahrhunderts zum ersten Bürgermeister im zur österreichischen Kreishauptstadt degradierten Salzburg werden sollte, durfte dabei mitspielen. Leopold Mozart besuchte diese Theateraufführungen mehrmals und äußerte sich sehr positiv über diese Form der künstlerischen Betätigung. Danach gab es, in modernen Worten ausgedrückt: eine Party mit Buffet Ein Fest? Meines Erachtens sehr wohl! Spielen, nicht nur Theaterspielen, war ja ein wesentlicher Bestandteil des Alltags wie auch des Festtags.
Unter den Festen im häuslichen Kreis von besonderer Bedeutung waren die Namenstagsfeiern. Zu diesen Gelegenheiten trank man traditionellerweise und sicher äußerst genüsslich den Namenstags-Punsch.


Lukullisches

Wie feierte man „lukullisch“? Aus den Mozart-Briefen weiß man so manches über allgemeine Essgewohnheiten und Präferenzen. Auf der Italienreise scheint Wolfgang nach den „lindgesottenen Eyern“ (2), dem Brokkoli und den Brathühnern über die deftigen Leberknödeln recht froh gewesen zu sein, die er sich immerhin ausdrücklich von einer nach Italien verheirateten Salzburgerin gewünscht hatte.
Dass Mozart Fisch, vor allem Forellen gerne aß, wissen wir über seinen Sohn Franz Xaver, der es allerdings nur aus zweiter (mütterlicher) Hand haben konnte, war er doch beim Tod seines Vaters erst vier Monate alt.
Alltag beim allein stehenden Vater Leopold anno 1784: Er ließ sich von seiner Tresl, der treuen Seele des Hauses, regelmäßig Rindfleisch sieden und interessanter Weise auch „Hiendln" (Hühner), die er „noch im Futter hatte“ (!) (3), im Wirtshaus braten. Auch so manches Lungen, Kalbsfuße oder Suppe mit Bratwurst musste seine Dienstmagd aus dem Wirtshaus holen, um sie dann zu Hause aufzuwärmen. Andernorts ging es opulenter zu als beim Sparmeister Leopold. So berichtete dieser seiner Tochter von einer Tafel bei Johann Gottlieb Stephanie in Wien, es habe (trotz der Fastenzeit) nur Fleischspeisen gegeben, Kraut als Zuspeise zum Fasan, am Ende Austern, herrliches Konfekt und viele Boutillen Champagnerwein, und „überall Coffeé“. (4) Ähnlich mag auch Wolfgang und Constanzes Hochzeits-Souper gewesen sein, das die Baronin von Waldstätten dem jung vermählten Paar gab — es sei mehr „fürstlich, als Baronisch“ (5) gewesen, meinte Mozart dazu. Am Hinweis „fürstlich“ zeigt sich deutlich der Drang des Nachahmens Die sozial unteren Schichten orientierten sich in ihrem Konsumverhalten an den höheren: So suchte sich der Adel in Wien mit den Festen am Kaiserhof zu messen, so bemühten sich wiederum die Bürgerlichen, es dem Adel an Glanz und Aufwand gleich zu tun.
Und in Salzburg wird man wohl, bürgerlich wie adelig, nach dem erzbischöflichen Hof geschielt haben, der wiederum mit München und Wien mitzuhalten hatte, wenn Staatsgäste und erlauchte Würdenträger dem Erzbischof die Ehre gaben.
Schwer hat man es den Köchen bei der Auswahl exzellenter Menüs allerdings nicht gemacht, denn seit 1719 gab es neben den zahlreichen handschriftlichen bürgerlichen Kochbüchern auch den bei Lotter in Augsburg gedruckten Band „Neues Saltzburgisches Koch-Buch Für Hochfürstliche und andere vornehme Höfe…“ des hochfürstlichen Stadt- und Landschaftskochs Conrad Hagger, eines gebürtigen Rheinländers, der unter Erzbischof Johann Ernst Graf Thun nach Salzburg gekommen war. Zwölf Zentimeter dick und zweieinhalb Kilo schwer ist dieses Kompendium der barocken Kochkunst, das - schön bebildert - mehr als 2500 Speisen, darunter allein 471 Suppen, enthält. Das Spektrum der Köstlichkeiten umfasste damals schon Salzburger Nockerl, die keineswegs eine Erfindung rühriger Touristiker und Köche späterer Generationen sind! Diese barocken Küchentraditionen lebten außer Zweifel auch in Mozarts Zeiten weiter.

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Löchlplatz (Hagenauerplatz) mit Mozarts Geburtshaus, Öl auf Papier, 1809. 

Haben Sie schon einmal einen Schokolodebrotkuchen gegessen? Das Mehl wurde durch geriebene Schwarz brotbrösel ersetzt und mit Dutzenden von Eiern gebacken, eine Köstlichkeit, die auch im 19. Jahrhundert in vielen privaten Kochbüchern noch aufschien und möglicherweise auch Wolfgang und die Seinen erfreut haben mag. Mit einem Blick in andere Kochbücher der Zeit, darf ich Ihnen zum festlichen Tafeln originale Speisen aus Salzburg anno dazumal anbieten und empfehlen Krebssuppe, gebratenen Auerhahn, Huhn in Schokoladensauce, Pfefferhuhn oder Rebhuhn mit Sardellensauce. Kalbfleisch als Lachs zubereitet zeigt die barocke Attitüde, die Nahrungsmittel bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, so dass ihre ursprüngliche Form und Herkunft nicht mehr erkennbar waren. Wem fiele heute bei völlig geänderter Essideologie, die auf Unverfälschtheit und Eigengeschmack :er Ingredienzien zielt, ein, diese lukullische Mimikry gut zu heißen? Welche  Überraschung, wenn sich das barocke als süßer Pudding herausstellte, der Lachs aus Fleisch, das Fleisch aber aus Fisch war. Verblüffen, Zur-Schau-Stellen, Prunken und Repräsentieren waren wesentliche Merkmale barocker Schlemmerei - für die, die es sich leisten konnten, ein mehrdimensionales Erlebnis. Über die „Feste“ derer, die von Limonen und Pomeranzen nur träumen konnten, für die ein Stück Weißbrot aber ein wirkliches Fest war, über die sprechen wir hier nicht, aber wir denken an sie ...
Kann ich Ihnen Appetit mit einem Marmorkuchen von Fleisch oder einem Königskuchen von Wildbret machen? Mit Gurken, faschiert und gebacken? Und erst das Angebot von Saucen, das Herzstück barocker Küche: Sauerrampfersauce, „Hötschen Bötschensauce“ = Hagebuttensauce, Mandelsauce, Kaviarsauce, Trüffelsauce, Mirabellensauce - eine Fundgrube für geschmackliche Feinheiten, die vielfach verloren gegangen sind.
Wie beschrieb Hermann Bahr am Beginn des 20. Jahrhunderts das Wesen Salzburgs und seinen Zusammenhang mit Mozart? „Es ist die geheimnisvollste Stadt auf deutscher Erde, das schönste Denkmal unsrer ewigen Sehnsucht nach Form, deutsch gewordenes Italien Es ist wirklich die Mozart Stadt. Und wenn Mozart in Lüneburg geboren wäre, Salzburg bliebe doch die Mozart Stadt. Salzburg war schon Mozart, bevor er noch geboren war. Er hat es nur erlauscht. Er hat es nur erklingen lassen.“ Ich bin jedenfalls sehr froh, dass Mozart in der Mozart-Stadt und nicht anderswo geboren wurde. 

Quelle der Webbearbeitung: Viva!Mozart- Das Journal zur Ausstellung, Bad Honner 2006

 Fußnoten:

1. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 213, Zeile 38.   
2. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 193, Zeile 21.
3. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 825, Zeile 63.
4. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 848, Zeile 27.
5. Bauer/Deutsch, Brief-Nr. 684, Zeile 34.
 
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